Man kommt schon gar nicht mehr zum Schreiben und das hat nicht nur mit dem schönen Wetter der letzten Tage zu tun. Aber es gibt ne Menge zu tun, bis das hier alles wieder geregelt abläuft und berufstätig ist man ja nebenbei auch noch.
Gestern kam nun der Möbelwagen mit den ganzen Sachen von unseren beiden neuen “Mitbewohnern” und danach sah die Wohnung aus wie nach nem Atomschlag. Aber inzwischen ist fast alles verstaut, es fehlen noch ein Kleiderschrank und ein paar hübsche Regale und dann ist unser ehemaliges Arbeitszimmer völlig umgestaltet. Immerhin macht es jetzt schon viel mehr den Eindruck, als ob da jemand wohnt.
Dafür sieht unser Wohnzimmer wie ein Abstellraum aus, aber das wird schon wieder…
Die Eingewöhnung der beiden wird wohl auch noch eine Weile dauern. Ist ja doch ziemlich fremd hier alles und da liegen die Nerven manchmal ganz schön blank. 
Marcus geht arbeiten, aber so wirklich viel zu tun gibt es da in der Urlaubszeit auch nicht. Hier sind auch die sogenannten Handwerkerferien, wo die meisten Betriebe mal eben für drei Wochen dicht machen und ihre Angestellten in den Urlaub schicken. Da läuft dann nicht viel.
Der Computer der beiden kam heute ans Netz (das ist ja so leicht mit nem WLAN-USB-Stick), Fernseher läuft auch und in der Garage hier bei uns steht neuerdings ne Schwalbe. Ihre Fahrräder haben sie nicht mitgebracht, weil sie sehr schnell erkannt haben, dass sie mit den alten Schüsseln ohne nennenswerte Gangschaltung hier nicht weit kommen. Sie haben jetzt unsere alten Räder, so taugen die auch noch zu was.
Wir kommen voran, nur der Sommer ist wieder sehr wankelmütig. Wie ja schon fast jedes Jahr…
bin ich zur Zeit allerheftigst nach diesen Nimm 2 soft. Eigentlich müsste da “Nimm 10″ oder “Nimm alle” draufstehen, denn wenn ich erstmal angefangen habe, kann ich nicht mehr aufhören. Schlimm.
Ich nenne sie übrigens Eiterpickel, weil es so schön ploppt, wenn man draufbeisst und dann die Füllung herausquillt. 
Mein Kind hat sich ja doch irgendwie weiterentwickelt in den vier Jahren. Gefällt mir richtig gut: Sie ist viel ordentlicher, putzt, wäscht, bügelt völlig selbständig. Früher musste ich da jedesmal ewig nerven, bevor lustlos irgendwas passiert ist und mir schien, als ob sie sich im Chaos wohlfühlte. Das ist jetzt anders, obwohl meine Vorstellung von Ordnung immer noch strenger ist als ihre. Aber das ist etwas, was zueinander passt.
Marcus hat da noch ein bisschen Nachholbedarf. Aber das ist ja völlig klar, denn bisher hat das seine Mutter alles erledigt. Er wird es lernen, Schimmi hat es ja auch gelernt und gibt zwischenzeitlich ein brauchbares Vorbild ab. Hoffe ich mal.
Jule und ich gehen jetzt jeden zweiten Tag zusammen joggen und gestern haben wir Krafttraining gemacht. Fahrradfahren waren wir auch schon, als Joggen wegen Seitenstechen nicht ging. Aber das fand sie nicht so wirklich toll.
Wenn die beiden sich jetzt noch die Raucherei abgewöhnen könnten… Den Plan haben sie ja, aber an der Durchführung hapert es noch. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Im Winter ist es verdammt kalt auf dem Balkon.
Früher hat man sich Zettelchen geschrieben. Heute schreiben wir uns Messages im ICQ. Botschaften, die hundertprozentig ankommen.
Nicht weil wir nicht miteinander reden wollen, sondern weil früh, wenn Schimmi und ich aufstehen, die Kinder noch schlafen.
Das Tool kann auch der Kontaktaufnahme nach einem Streit dienen. Nicht schlecht, denn manchmal ist Schreiben besser als Reden. Weil man sich die Antworten besser überlegen kann oder muss.
Manchmal kann man gar nicht so schnell schreiben wie die Dinge ihren Lauf nehmen und im Endeffekt schreibt man dann gar nichts. Was vermutlich auch das Beste wäre, aber irgendwie brauche ich das Schreiben, um die Sachen in meinem Kopf zu ordnen. Keine Ahnung, ob ich das hier jemals veröffentlichen werde…
Gelernt habe ich in den letzten anderthalb Wochen, dass ich meine Menschenkenntnis wohl endgültig ad acta legen kann. Schimmi die seine aber auch, denn so wie die Dinge im Moment liegen, haben wir uns in Marcus arg getäuscht und er hat uns den guten Jungen, der weiter nichts braucht als eine neue Chance, erfolgreich vorgespielt. Doch wenn man ein paar Wochen miteinander wohnt so wie wir vier jetzt, dann kann man diese Schauspielerei nicht konsequent durchhalten.
Und so wurde uns am vorvorigen Wochenende klar gemacht, dass der junge Herr eigentlich gar nicht hier sein will, dass hier alles Sch***** ist und er sowieso nur wegen Jule mitgekommen ist. Und nun fehlt ihm auch noch die Rundumbetreuung von Mami, plötzlich muss man sich seine Pausenbrote selber machen, seinen Kram selber wegräumen und Essen steht auch nicht mehr zu jedem gewünschten Zeitpunkt auf dem Herd und wenn, dann ist es auch nicht immer hundertprozentig das Lieblingsessen. Geht ja auch nicht, denn wir sind vier Personen und da wird eben auch gekocht, was den anderen schmeckt oder es macht sich jeder selbst was. All das hatten wir vorher besprochen, Marcus war sich dessen jederzeit bewusst, dass hier alle arbeiten gehen und keine Rundum-Hausfrau zur Verfügung steht. Die Macho-Allüren, dass Jule ja noch zu Hause ist und das ja wohl mal alles für ihn machen könnte, kann er sich gleich wieder abschminken, sowas gibts hier nicht.
Und seiner Mutter erzählt man dann am Telefon, dass man hier nichts zu essen bekommt und sich alles selber kaufen muss, weil nichts da wäre. Dabei hatten wir allen Ernstes die Anschaffung eines zweiten Kühlschrankes erwogen, weil wir in unseren (einen doch schon recht großen seiner Art) nicht alles reinbekommen haben. Wir gehen immer alle vier gemeinsam einkaufen und jeder kann in den Wagen legen, was er braucht. Zusätzlich steht in der Küche ein Behälter mit Bargeld, um gegebenenfalls Sachen nachkaufen zu können. Ich habe keine Ahnung, wie er darauf kommt, das er hier verhungern müsse.
Ich meine, wir erwarten keine Dankbarkeit dafür, dass er hier wohnen kann und dafür, dass wir uns den A**** aufgerissen haben, damit er hier ne Ausbildung machen kann, auch nicht. Das haben wir gern gemacht, das ist ok. Was wir aber mindestens erwarten, ist respektvolles Verhalten uns (und auch Jule) gegenüber und die Teilnahme am gemeinschaftlichen Leben, was auch Pflichten einschließt. Es kann nicht sein, dass Jule jeden Tag das gemeinsame Zimmer entmüllen und saubermachen muss und Marcus macht gar nichts (außer es wieder zuzumüllen). Es kann auch nicht sein, dass wir früh Brötchen holen und auch für Marcus welche mitbringen, damit er sich die am nächsten Morgen mit auf Arbeit nehmen kann und der Herr fährt abends noch mal los, weil er gerne andere Brötchen hätte.
Er versucht uns mit jeder seiner Aktionen zu zeigen, dass wir ihm eh nichts recht machen können und dass er sich hier nicht wohl fühlt. Und anfangs ist es ihm sogar gelungen, Jule mit seiner Mißstimmung anzustecken. Leider habe ich es zu spät bemerkt und zu spät gegengesteuert, deshalb ist die Situation vor zwei Wochen etwas eskaliert…
Dazu kommen noch ein paar Sachen, die mir Jule über die Beziehung der beiden erzählt hat, da ist auch einiges im Argen. Und das geht schon ne Weile so und hat mit dem Umzug gar nichts zu tun.
Wir würden diese Sachen wirklich gerne mit ihm persönlich klären, als immer nur darüber zu reden, wenn er nicht dabei ist oder hier drüber zu schreiben. Aber Marcus lehnt jegliches Gesprächsangebot ab und wir haben es oft genug versucht. Einmal hat er sich drauf eingelassen, aber nach fünf Minuten ist er explodiert und hat den Raum verlassen. Sowas kenne ich nicht. Bei uns werden die Dinge normalerweise geklärt, aber wir kommen nicht mehr an ihn ran. Vielleicht liest er das ja hier mal?
Wir verstehen ja, dass er Heimweh hat. Keiner versteht das mehr als ich, denn ich hatte auch oft damit zu kämpfen. Aber trotzdem müssen weder wir noch Jule sich so von ihm behandeln lassen und wenn er meint, dass es hier so schrecklich ist, dann muss er eben wieder nach Hause zurück gehen.
Für Jule wäre es furchtbar, aber sie wird es durchstehen. Wir beide kommen uns ganz langsam, aber stetig wieder näher und wir haben ein für allemal geklärt, dass es für sie kein Zurück gibt, denn ich lasse sie nicht wieder gehen. Sie wird ihre Chance hier nutzen. Ob nun mit oder ohne Marcus, dass muss sie entscheiden.