Um 5 Uhr klingelte heute für uns der Wecker. Das war sehr zeitig, aber wir haben früh gerne etwas mehr Zeit, um noch in Ruhe einen Kaffee zu trinken. Und wir wollten ja vorher noch zum Bäcker Büchle frühstücken. Also kramten wir noch ne Weile rum und räumten die letzten Reste aus dem Kühlschrank.
Ich machte meine erste Ansage auf meiner Quasselbox. So nannten wir den MP3-Stick, den ich extra für die Tour gekauft hatte und den ich als Diktiergerät gebrauchen wollte. Die Schreiberei ist mir nämlich immer ziemlich auf den Geist gegangen und ich habe nach einer besseren Lösung gesucht. Das Laptop ist zu schwer zum Mitnehmen, also musste was anderes her: Klein und viel Speicherplatz und kosten sollte es auch nicht allzuviel. Und so kaufte ich dieses Teil, dass mir mit 2 GB Speicher eine Quasselzeit von über 45 Stunden offerierte. Das waren bei geschätzten 15 Reisetagen drei Stunden pro Tag, das sollte sogar für Labertaschen wie uns ausreichen.
Schließlich hatten wir alles erledigt, beluden unsere Räder und fuhren wie immer mit dem sicheren Gefühl, etwas vergessen zu haben, los. Nächster Halt war (schon fast traditionell) die Büchle Bäckerei, wo wir gemütlich frühstückten und uns von der netten Verkäuferin knipsen ließen. Sie fand unser Vorhaben ziemlich abgedreht, wünschte uns aber gute Reise und gutes Sitzefleisch.
Gegen 7.45 Uhr standen wir auf dem Bahnhof herum und warteten auf unseren Zug. Es war sehr sonnig, aber noch ziemlich frisch, so dass wir ein bisschen froren. Der Zug kam pünktlich und los ging es. Wir waren ganz schön aufgedreht ob unseres Vorhabens und mächtig gespannt, wie es werden würde. Hatten wir an alles gedacht? Hatten wir genug trainiert? Würde ich mit den vielen Bergen klarkommen? Während wir so sinnierten, hielt der Zug auf offener Strecke an und es wurde Verspätung wegen irgendwelcher Bauarbeiten durchgesagt. Na Klasse!
Auf einmal kam ein junger Mann in unser Abteil, stellte sich vor und meinte, uns aus dem Rad-Forum erkannt zu haben und wollte mal eben guten Tag sagen. Na, da war ich aber überrascht! Scheinbar sieht mir mein Foren-Avatar-Bildchen doch ähnlich! Wir unterhielten uns noch eine Weile und an dieser Stelle herzliche Grüße an Stefan! Diese kleine Episode hatte aber den Effekt, dass ich mir sämtliche Reiseradler, die uns über den Weg fuhren, sehr genau anschaute. Aber leider wiederholte sich das nicht.
Mit ca. einer Viertelstunde Verspätung waren wir in Singen und stiegen dort (nachdem wir die Räder einmal umsonst auf einen anderen Bahnsteig gewuchtet hatten) in den Zug nach Konstanz. Das klappte reibungslos und wenn man in Konstanz am Bahnhof aussteigt, ist man fast schon am Bodenseeradweg. Schimmi ging nochmal auf Toilette und dann schauten wir uns den Bodensee zur Abwechslung mal bei schönen Wetter an. Meist regnet es ja, wenn wir hier sind.
Man fährt am Seeufer am Hafen entlang und nach drei Minuten Fahrt hatten wir Deutschland verlassen und waren in der Schweiz. Keine Kontrollen an der Grenze. Jetzt begann der bequeme Teil der Reise: Bodenseeradweg, flach wie ein Bügelbrett, dafür aber ziemlich gut befahren. Klar, dass bei dem Bombenwetter jede Menge Radler unterwegs waren: Reiseradler, Urlaubsradler mit ausgeliehenen Rädern, Mountainbiker, Rennradfahrer, Altersheimausflügler. Alle mit einem debilen Grinsen im Gesicht, wohl weil der Tag so herrlich war. Da wir der Sonne direkt entgegen fuhren, habe ich mangels Sonnenbrille immerzu die Augen zusammenkneifen müssen, was am Abend eine interessante Sonnenbrandmusterung im Gesicht erzeugte…
Gegen 11 Uhr waren wir ca. bei Kilometer 25 in Romanshorn, wo unser Radweg Mittellandroute Nr. 5, der uns durch die Schweiz bringen würde, begann. Ich hatte das ja hier schon mal beschrieben und wir wollten das auch so durchziehen. Wir hatten das dazugehörige Buch gekauft mit den Karten darin, aber im Nachhinein kann ich sagen, dass man den Weg auch ohne irgendeine Karte hätte fahren können. Veloland Schweiz halt: Alle Radwege (und davon gibts ne Menge) sind tadellos ausgeschildert, man findet immer genau dann ein Schild, wenn man es braucht. Ganz super!
Es fing an, ziemlich landwirtschaftlich zu riechen, irgendwie haben wir immer so ein Glück, dass die Äcker, an denen wir vorbeimüssen, frisch gegüllt sind. Aber man gewöhnt sich ja an alles. Kurze Zeit später hatten wir auch schon die ersten Steigungen zu bewältigen, zunächst noch ganz normal, aber in der ersten Zeit merkte ich das zusätzliche Gewicht der Packtaschen schon.
In Hagenwil, wo es dieses Wasserschloss gibt, gab es kurz vor der Ortsausfahrt noch einen ziemlich steilen Anstieg, wo ich gleich mal abgestiegen bin. Ging mir aber nicht allein so. Hinter uns fuhr noch ein Reiseradlerpärchen, die schoben gleich von unten an. Mit einem fröhlichen “Grüatzi mitanand” outeten sie sich als Schweizer und wir schwatzten eine Weile. Sie hatten die Tour an der Donau bis zum Schwarzen Meer schon gemacht und waren begeistert. “Wir würden sofort wieder fahren!” meinten sie. Allerdings haben wir nicht gefragt, wann das war. Kann ja auch schon 30 Jahre her sein, die beiden waren schon etwas betagter.
Die nächste Zeit fuhren die beiden dann ziemlich flott vor uns her, einmal überholten wir sie, als sie gerade Pause machten und dann überholten sie uns, als wir beim Picknick waren. Weiter ging es durch die Schweizer Landschaft. Der Gülle-Gestank hörte nicht auf, aber dafür war die Gegend sehr idyllisch anzuschauen. Gegen halb eins erreichten wir Bischofszell, dort tankten wir erstmal unsere Bargeldvorräte auf, schließlich mussten wir hier mit Schweizer Franken bezahlen. Klappte mit unserer Visacard wie immer problemlos und gebührenfrei.
Der Radweg führte uns dann weiter am Flüsschen Thur entlang, ich nehme mal an, dass da der Kanton Thurgau seinen Namen her hat (oder umgekehrt?). Es war jetzt ein Kiesweg, aber sehr gut zu fahren und weit und breit keine Zivilisation, nur hier und da ein Bauernhof.
Es war zwischen- zeitlich nach 13 Uhr, wir hatten die 50 Kilometer voll und absprachegemäß habe ich dann immer Anspruch auf einen Kaffee und so packte uns das reine Entzücken, als wir diese quietschebunte Bank sahen. Sofort wurden die Picknickutensilien, sprich Gaskocher, Tassen, Kaffee, Kekse, Marsriegel ausgepackt und erstmal ein längeres Päuschen in der schönen ruhigen Schweizer Natur gemacht. Nur das Rauschen des Flüsschens war zu hören. Was wir in der Pause nicht taten, war uns mit Sonnencreme einzuschmieren und das sollten wir bereuen. Besonders Schimmi…
Weiter ging es an der Thur entlang nach wie vor auf dem Kiesweg. Dabei sahen wir ein paar Eingeborene beim Heuwenden und da waren ja richtig knackige Bauernsöhne dabei, wie man auf dem Bild sieht. Interessant die Heuwendemaschine, die er da fährt. Zum Ziehen ein Pferd und der Heuwender dahinten wurde mit einem kleinen Benzinmotor betrieben. Eine nette Mischung, habe ich so noch nie gesehen. Vor allem mit so einem richtig gut gebauten… ich komme vom Thema ab. Aber geknipst hat Schimmi, das war ich gar nicht!
Schließlich erreichten wir das Städtchen Wil nach einem ziemlich steilen Anstieg, der aber nur kurz war. Hier kamen wir etwas vom Weg ab, da die Radwegbeschilderung ziemlich irreführend war. So fuhren wir zweimal dieselbe Runde, ohne wirklich weiter zu kommen. Also zurück zum letzten eindeutigen Radwegschild, aber wirklich hilfreich war das nicht. Also einen Eingeborenen befragt, wie man weiter in Richtung Sirnach kommt und der verwies uns auf eine Straße, die wir letztendlich dann auch fuhren.
Und siehe da, wir fanden auch unseren Radweg wieder. An dieser Stelle hätten wir die Karte gebraucht, aber die ist in dem Schweizer Buch zu undetailliert, also kaum hilfreich. Außerdem werden in dem Buch nur die Sehenswürdigkeiten beschrieben, eine nähere Beschreibung des Weges, wie wir es von Bikeline kennen, gibt es gar nicht. Also dieses Buch ist samt Karten gleich am ersten Tag durchgefallen, ich kaufe da bestimmt nicht noch eines. Falls wir mal wieder in der Schweiz unterwegs sein sollten.
Bei Kilometer 70 ungefähr kamen wir dann in ein Dörfchen, in dem gerade eine Radrundfahrt stattfand, auf der Geld für irgendwelche wohltätigen Zwecke gesammelt wurde, deshalb war hier ganz schön Verkehr auf dem Radweg. Erfahren haben wir dies von dem Besitzer dieses wunderschönen Blumengartens, an dem wir erst vorbeigefahren, dann aber noch mal umgedreht sind, um diese ganze Pracht zu knipsen. Dabei sah uns der Mann, der dort wohnte und kam heraus und wir unterhielten uns eine Weile. Er stellte uns auch noch seine Frau vor, die eigentliche Gärtnerin. Wirklich nette Leute, diese Schweizer! Und gärtnern können sie, keine Frage. Wir haben unterwegs noch viele dieser herrlichen Gärten gesehen.
Die weitere Fahrt war sehr gemütlich, wir kamen sehr gut voran, da das Gelände leicht abschüssig war. Wir fuhren an einem kleinen klaren Flüsschen entlang, dessen Namen die Karte nicht hergab und unser Kilometerzähler zeigte fast 100 an, als wir Winterthur erreichten. Und obwohl wir eigentlich nicht mehr in großen Städten übernachten wollten, beschlossen wir, hierzubleiben und auf Hotelsuche zu gehen. Unser Radwegbuch wies ein preiswertes Hotel in zentraler Lage aus und das wollten wir uns mal anschauen. Wie immer bei Großstädten dauerte es eine ziemliche Weile, bis man im Zentrum angekommen ist. Fakt war, dass es das Hotel nicht mehr gab. Fakt war auch, dass die Befragung eines Einheimischen nicht sehr ergiebig war, er meinte, Hotels gäbe es hier kaum. Er verwies uns schließlich an das Hotel Loge zwei Straßen weiter.
Ok, die Preise, die da auf deren Homepage stehen, sind Schweizer Franken (Umrechnung ungefähr mal 2 durch 3), aber trotzdem haben wir ganz schön geschluckt. Da wir aber keine Lust hatten, noch weiterzufahren oder weiter zu suchen, haben wir es zähneknirschend akzeptiert. Auch die Beschreibung der Zimmer auf der Seite entspricht in keinem Fall den wahren Gegebenheiten. Es war eng und finsterster Durchschnitt, von wegen drei Sterne! Lachhaft. Nun gut, wir arbeiteten unser bekanntes abendliches Programm ab: Zimmer zumüllen, duschen, Wäsche waschen, alle Handtücher zum Wäschetrocknen gebrauchen, anziehen und raus. Wir hatten Hunger und suchten uns zwecks Kohlenhydratzufuhr gezielt einen Italiener aus.
Wegen des herrlichen Wetters konnte man prima draußen sitzen und wir aßen jeder eine ordentliche Portion Nudeln und vorher einen Salat. Dabei wurde uns bewusst, dass in der Schweiz nicht nur die Hotels teuer sind. Na gut. Wir hatten schließlich Urlaub.
Hinterher machten wir noch einen ausgedehnten Spaziergang durch die Stadt, in der noch jede Menge Trubel herrschte. Am Bahnhof hatten noch fast alle Geschäfte offen, der Vorteil einer Großstadt. Witzig die Tatsache, dass Fahrräder oder Velos, wie man sie hier nennt, genau so behandelt werden wie Autos. Sie haben eigene Parkplätze und werden sogar abgeschleppt, wenn sie die Parkdauer überschreiten, wie man auf dem Schild liest. Wir waren sehr amüsiert darüber.
Auch das hier auf dem Bild hatten wir vorher noch nie gesehen, zumindest nicht mitten in der Fussgängerzone: Liegestühle wie an der Strandbar, eine klasse Idee. Da kann man seinen Kaffee oder Drink genießen und sich dabei sonnen. Und das mitten im Stadtzentrum. Nebenan plätscherte ein Brunnen, richtig idyllisch.
Dann hatten wir genug vom Rumlaufen, haben nur noch schnell gecheckt, wo wir morgen entlang müssen, um hier wieder rauszukommen und sind dann ins Hotel. Gegen 21 Uhr lagen wir im Bett, nachdem wir festgestellt hatten, dass wir ganz schön sonnenverbrannt waren. Au weia! Morgen hieß es also gründlich eincremen, bevor wir das Haus verließen. Irgendwann später, wir waren schon eingeschlafen, ging in der Nähe noch ein Feuerwerk los, aber so laut, dass es uns fast aus dem Bett wedelte. Das schepperte und knallte bestimmt ne halbe Stunde lang und danach war es schwer, wieder einzuschlafen.
Trotzdem war der erste Tag herrlich, wir waren gut vorangekommen und hatten vor allem richtig geiles Urlaubswetter erwischt.
| Statistik | ||
| gefahrene km: | 101,5 in 6 h 23 min Fahrzeit | 543 Höhenmeter |
| Übernachtung: | Hotel Loge | nicht schön, nur teuer |
| Essen: | Nudeln beim Italiener | sehr gut und lecker |
| Wetter: | sonnig und warm | herrliches Urlaubswetter! |
| Stimmung: | super | wie auch sonst, wir haben schließlich Urlaub |