(über mehrere noch unausprechlichere Orte)
Um 7 Uhr gab es Frühstück, hier waren wir nun wieder überrascht: Ein fast perfektes Frühstücksbuffet erwartete uns, sogar der kohlrabenschwarze, teerartig wirkende Kaffee aus so einem großen Thermosbehälter fehlte nicht. Der sieht übrigens nur so schlimm aus, ist aber völlig harmlos und schmeckt absolut neutral. 
Als wir danach im Zimmer unsere Sachen zusammenpacken, scheint die Sonne herein, ein herrlicher Tag erwartete uns und nach der leichten Tour gestern waren wir auch gut erholt und freuten uns schon aufs Fahren.
Esztergom verlassen wir auf einem sehr schön gelegenen Radweg direkt am Fluss und hier fanden wir sie, die merkwürdigen, fremdartig aussehenden grünen Kugeln. Dank der netten Hilfe wissen wir mittlerweile, dass das eine Milchorange, auch Osagedorn genannt, ist. Wir haben uns eine mitgebracht und wollen mal sehen, ob uns die Anzucht gelingt.
Interessant ist ja, das bisher keiner wusste, was das ist und wir haben auch Einheimische befragt. Und wir witzelten herum, ob vielleicht kleine grüne Männchen da rauskommen würden, wenn wir die aufschneiden. Erstmal blieb die Kugel aber ganz und wanderte in Schimmis Lenkertasche.
Dann ging es ein Stück an einer Straße entlang, wo aber nicht viel Verkehr war. Da wir ja den Hinweg am nördlichen Donauufer fahren wollten, musste wir jetzt über den Fluss und das ging bei Szob, da gab es eine Fähre. Wie man sieht, war die aber gerade am anderen Ufer und es sah irgendwie nicht so aus, als würde sie bald mal hier rüber kommen.
Egal, wir waren schließlich im Urlaub und nicht auf der Flucht, also hatten wir Zeit. Es war herrliches Wetter, die Landschaft war schön anzuschauen, uns ging es gut. 
Also machten wir es uns gemütlich und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Auf der anderen Flussseite tat sich immer noch nichts.
Schimmi versuchte sich, mit den inzwischen angekommenen Autofahrern zu unterhalten, aber auf Englisch fällt das halt schwer, da ist mein Schatz nur halb so schwatzhaft. *g* Immerhin versicherten uns die Leute, dass die Fähre schon irgendwann kommen würde.
Kam sie auch. Wir sahen, wie auf der anderen Flussseite die Autos eingewiesen wurden und dann war das Boot sehr schnell über den Fluss. Das Runterfahren der Autos von der Fähre war abenteuerlich, da sie über einen ziemlich großen Absatz fahren mussten, die Rampe der Fähre reichte nicht bis auf den Erdboden und federte jedesmal enorm rauf und runter. Mit nem tiefergelegten Auto würde man da keinesfalls heil draufkommen. Aber die Ungarn sahen das gelassen und fuhren einfach drauflos. Ist doch egal, wenns ein bisschen schleift, oder?
Dann durften wir auch aufsteigen und los gings. Und gleich wieder zurück, da noch ein Auto gekommen war. Das fanden wir ganz witzig, dass die extra nochmal zurückfuhren, um den Nachzügler noch zu holen.
Auf der anderen Seite ging es dann auf einem sehr schönen Radweg am Fluss weiter, der nur selten durch ein Stück Fahren auf der Straße unterbrochen wurde. Das machte Spaß und wir fuhren durch viele niedliche kleine Dörfchen, manchmal richtige Villenviertel. Es schien eine etwas wohlhabendere Gegend zu sein, die nun auch etwas bergiger wurde.
In meinen Aufzeichnungen habe ich notiert: “10.20 Uhr: Schimmi zieht kurze Radlerklamotten an. 11.30 Uhr: Ilona zieht kurze Radlerklamotten an.” Wir fahren durch eine Gegend mit massenweise Obst- und Gemüsegärten, die etwas verwahrlost aussehen. Leider sind die Äpfel noch nicht reif.
Es dauert gar nicht lange und wir erreichen Vac. Dort wollten wir uns aber nicht groß aufhalten, wir wollten die Zeit nutzen und möglichst früh in Budapest sein, da wir ja dort noch eine Bleibe finden müssen. Also blieben wir auf dem Radweg an der Donau, wie es auf der Karte stand und fuhren in eine Art Park hinein, der erst kultiviert und gepflegt wirkte und dann immer mehr verwilderte.
Wir dachten erst, wir hätten uns verfahren, weil wir auf einmal mitten im Wald oder besser Dschungel waren. Aber es kamen uns nach wie vor Leute auf dem Weg entgegen, also konnte es so falsch nicht sein.
Als wir aus dem Dschungel wieder draußen sind, machen wir mitten in der Pampa eine kleine Pause. Und werden prompt von Myriaden von Mücken angefallen. Also musste man in Bewegung bleiben, aber sie stechen trotzdem. Wir essen ein paar Kekse und Bananen und versuchen ganz auf die Schnelle, mal pullern zu gehen, aber auch dabei muss man die ganze Zeit rumhampeln und das sieht echt bescheuert aus.
Und die Sonne brennt.
Wir fahren mit ein paar Mückenstichen mehr weiter und kurz hinter der Ortschaft Göd sah unser schöner Radweg auf einmal so aus. Als ob wir durch den Sumpf fahren und hier hilft nur absteigen und vorsichtig durchwaten. Bloss nicht hinfallen, das wäre verheerend! Danach erstmal Schlamm von den Reifen abkratzen. Du liebe Güte, die Räder sehen aus! Aber als das später trocken wurde, fiel es von allein ab.
Wie man sieht, gibt es aber viele Reifenspuren, also sind wir nicht die einzigen Verrückten, die hier durchfahren. Allerdings wurde uns das unwegige Wegstück im Radbuch angekündigt und durch den Regen die Tage vorher war es wahrscheinlich noch schlimmer.
Komisch, dass man solche Sachen bei schönem Wetter wesentlich gelassener und mit mehr Humor nimmt als bei Regen und Kälte. Auch meinen Rücken merkte ich heute kaum, lag es an der Wärme?
Der Matschweg war aber bald vorbei und wir kamen nach Dunakèsi, den letzten Ort vor Budapest.
Bis hierher war der Radweg relativ gut beschildert, führte durch Einfamilien- haussiedlungen und kleine Nebenstraßen. Wir waren uns immer sicher, dass wir richtig sind. Aber irgendwo in diesem kleinen Ort verloren wir den Radweg bzw. nehmen wir an, dass die Karte da irgendwo nicht mehr stimmte. Da war auf einmal nur noch eine Straße, die für Radfahrer verboten war, also fuhren wir erstmal auf dem Gehweg, bis wir das Ortsende erreicht hatten.
Ab hier war die Karte überhaupt nicht mehr zu gebrauchen, wir sollten angeblich zwischen zwei Baggerseen durchfahren, die nirgends zu sehen waren. Da kamen auf einem schmalen Weg neben der Schnellstraße auf einmal zwei Reiseradler angefahren und zu unserer Freude waren das auch noch Deutsche! Sie kamen aus Budapest, hatten dieselben Karten wie wir und waren genauso ratlos wegen des Weges. Wir tauschten noch ein paar Tipps aus. Sie fragten uns über dem Weg nach Wien und wir sie über Budapest und Übernachtungsmöglichkeiten aus. Dann fuhren wir weiter auf dem Weg, auf dem sie gekommen waren.
Und flugs befanden wir uns in einem ziemlich großen Gewerbegebiet, das es auf unserer Karte (noch) nicht gab. Da wir es nicht besser wussten, fuhren wir erstmal durch und fragten dann an einer Tankstelle und danach noch Leute in einem Auto, wie wir nach Budapest kommen, jeder erzählte uns was anderes. Es war zum Mäusemelken. Blöd war ja, dass wir nicht überall fahren durften, da gewisse Straßen für Radfahrer nicht erlaubt waren.
Dann fuhr Schimmi einfach drauflos und ich hinterher und irgendwie schafften wir es, kartengemäß die Autobahn zu unterqueren und völlig unbemerkt hatten wir wohl auch die Budapester Stadtgrenze passiert, jedenfalls fuhren wir auf einer ziemlich stark befahrenen Straße durch die ersten Vororte. Gut. Irgendwie würden wir schon richtig sein. Also immer weiter. Unsere Karte zeigte zwar einen Radweg an, aber den sahen wir nicht oder wir waren nicht ganz richtig.
Dann kamen wir an die erste Brücke und wussten wieder, wo wir waren. Konnten dann einigermaßen nach der Karte weiterfahren und siehe da: Wir waren im Zentrum. Bzw. das, was wir als solches interpretierten und dass uns vorab von Bildern bekannt war. Mannomann, das war aber ein langer Weg, was für eine Riesenstadt!
Nun ging die Hotelsuche los. Die ersten beiden Hotels, in denen wir fragten, waren belegt. Dann musste ich mal und sah rechts und links von dem Lokal, in dem ich die Toilette aufsuchte, auch noch ein Hotel und eine Pension. Auch beides belegt. Na, das fing ja gut an. Also weiter. Unser Radwegbuch wies in Budapest eine Menge Hotels aus, die meisten davon vermutlich unbezahlbar. In einer Straße namens Rakoczi ut. sollten auch noch ein paar sein, aber dazu mussten wir über eine verkehrsreiche Brücke nach Pest rüber. Gar nicht so einfach, da hochzukommen, aber wir haben sofort einen guten Trick gelernt: In Budapest gibt es ne Menge Fahrradkuriere und die kennen die Wege. Also im Zweifel hinter denen herfahren, wenn man nicht weiß, wo man entlang soll.
Also rauf auf die Brücke und rein in den Verkehr. Wahnsinn! Die Autos fahren wie wahnsinnig, vier- bis sechsspurig und wir mittendrin. Echt irre. Dann waren wir in der besagten Straße, aber von den Hotels keine Spur. In einer Seitenstraße sahen wir ein Hostel namens Marco Polo, leider auch alles besetzt. Sie verwiesen uns an ein nahegelegenes Hotel Atlas, das wir nach einiger Suche auch fanden. Auch da nichts mehr frei. Schimmi kam raus und meinte, es sieht so aus, als ob wir gleich zum Bahnhof fahren und uns in den Zug nach Hause setzen, da in dieser Stadt alle Hotels belegt waren. Damit hat er mich ziemlich geschockt. Das konnte doch nicht sein?!
Wir warem doch nicht zwei Wochen lang jeden Tag und bei jedem Wetter geradelt, um jetzt nach ein paar Stunden Budapest wieder nach Hause zu fahren! Schimmi nahm unser Hotelverzeichnis und ging nochmal ins Hotel Atlas, um den Angestellten zu bitten, ein paar andere Hotels anzurufen. Ich stand draußen und war irgendwie völlig verstört und enttäuscht. Gab es denn in dieser riesigen Stadt nicht ein einziges freies Hotelzimmer? Ich hoffte, dass Schimmi es mit seiner Hartnäckigkeit schaffen würde.
Und so war es auch. Mein Schatz ist eben ein Schatz! Als er nach einer dreiviertel Stunde wieder rauskam, hatten wir ein Zimmer im Hotel Zagrab. Einziger Nachteil: Wir würden noch etwas fahren müssen, da es weitab vom Zentrum lag. Aber das war mir egal, Hauptsache, wir würden unterkommen. Schimmi hatte dem Hotelangestellten ein großzügiges Trinkgeld für seine Mühe gegeben, verdienterweise! Eine Wegbeschreibung hatten wir auch, also stürzten wir uns wieder in einen wahren Höllenritt auf Budapests stark befahrene Straßen. Man muss dabei echt so tun, als ob man ein Auto ist und tapfer drauflosfahren (und dabei hoffen, dass die Autofahrer einen am Leben lassen).
Langsam wurde es dunkel und wir verirrten uns nur einmal bei der Suche nach unserem Hotel. Gegen 19 Uhr standen wir davor. Kaum zu glauben, dass wir schon seit ca. 16 Uhr hier in dieser Stadt rumgurkten. Es empfing uns ein sehr netter deutsch sprechender Mann, der nur kurz überlegte auf die Frage, wo wir die Fahrräder abstellen könnten. Dann führte er uns mitsamt den Rädern durch die pikfeine Eingangshalle des Hotels, wo wir sie in einer Kammer abstellen durften. Hier ist der Kunde echt noch König, egal was er für Merkwürdigkeiten mitbringt. Und unser Zimmer war auch klasse, etwas klein, aber sauber und so kuschelweiche Bettwäsche.
Wir waren aber so froh, überhaupt was bekommen zu haben, dass wir uns auch mit schlimmerem zufrieden gegeben hätten. Wir fragen den Mann noch, wo wir noch was zu essen bekommen würden und er verwies uns an ein nahe gelegenes Lokal. Es ist nichts Besonderes meinte er, aber das Essen schmeckt.
Also machten wir uns rechtschaffen hungrig auf den Weg und fanden das Lokal auch schnell. Sah doch gar nicht so schlecht aus. Hatte aber einen Haken, wie wir sehr bald merkten. Der Wirt sprach kein Wort deutsch oder englisch und die Speisekarte war in reinstem Ungarisch. Na klasse!
Zu allem Übel hatten wir auch noch unseren Sprachführer für Ungarn im Hotel liegenlassen. Wir lachten uns erstmal kaputt. Wie sollten wir denn das jetzt machen, die Speisekarte war nutzlos. Also winkten wir nach dem Wirt und ich sagte zu ihm: “Steak, Kroketten, Salat?” Das verstand er wohl, nickte eifrig und verschwand in der Küche. Wir grinsten uns an und waren mächtig gespannt, was jetzt passieren würde. Die Getränkebestellung war kein Problem.
Wir bekamen als Vorspeise so mit irgendwas gefüllte Gewürzgurkenscheiben und dann einen Teller mit Fleisch, Kroketten und ein bisschen Gemüse. Na also! Und es schmeckte uns hervorragend. Auch der Nachtisch (Palatschinken und Kaffee) war kein Problem und superlecker. Zu alldem hatten wir auch noch jede Menge Spaß wegen der Verständigungsprobleme, der Wirt wohl auch.
Wenig später lagen wir im Bett und waren gespannt auf unseren Tag morgen in Budapest. Ich habe mir übrigens notiert, dass wir bis hierher insgesamt 1190 Kilometer geradelt sind. Nicht schlecht, oder?
| Statistik | ||
| gefahrene km: | 96 in 6 h 53 min | mit viel Laufen in Budapest |
| Übernachtung: | Hotel Zagrab in Budapest | 55 Euro/Dz. (Ü/F) |
| Essen: | in der Kneipe im Wohngebiet um die Ecke | Lecker und lustig wegen der Sprachprobleme |
| Wetter: | Sonne | warm genug für kurze Radlerklamotten |
| Stimmung: | auf dem absoluten Höhepunkt | Wir sind da!!! |