13. September 2004

Tag 03 - Montag

Strecke: Tübingen - Marbach

Um 6:30 Uhr klingelte unser Handy bzw. der Wecker darin. Hört sich jetzt unmenschlich an, weil ja Urlaub war, aber wir wollten schließlich fahren und nicht den Tag im Bett vertrödeln. Also hopp hopp raus, natürlich nicht ohne dass ich meinen Kaffee ans Bett gebracht bekam (war hier gut möglich, da es einen Automaten gab). Rein in die Radlerklamotten und den ganzen Krempel wieder in die Rucksäcke gepackt. Mit fortschreitendem Urlaub bekamen wir darin immer mehr Routine.

Frühstück in der JHB: Also das muss gelobt werden! Es gab viele verschiedene Sorten Brötchen, Wurst, Käse, Marmeladen. Cornflakes und Müsli waren ebenso vorhanden wie diverse Getränke (Kaffee, Tee, Milch). Obst ebenso. Das hatte in meinen Augen schon ganz guten Hotelstandard, alle Achtung!

Es waren viele studentische Neulinge da, die vermutlich noch kein festes Quartier in der Stadt hatten und derweil hier wohnten. Lustig zu beobachten (und dabei in Erinnerungen zu schwelgen): Das Balzgehabe und Jagdverhalten der Jünglinge. Niedlich! *g*

Nach dem Frühstück auschecken und um 8:30 Uhr waren wir wieder auf der Piste. Der Radweg führt ja direkt an der JHB vorbei, so dass wir nicht gross suchen mussten. Allerdings war es hier wie zukünftig noch häufig in größeren Städten: Man konnte sich gut verirren und es dauerte immer seine Zeit, bis man hinausgefunden hatte. Wenn ein Stadtplan in unseren Karten drin war, schafften wir es meistens allein, ansonsten haben wir uns immer hinausgefragt. Wie gesagt, die Ausschilderung des Radweges ist gut, aber in Ortschaften manchmal leicht zu übersehen oder unvollständig.

Dann kamen wir hervorragend voran. Das Wetter war gut, bewölkt zwar und früh noch ganz schön kühl, aber trocken und wir hatten uns ja schnell warmgestrampelt. Es gab auch keine Erschöpfungserscheinungen, wir fühlten uns wohl auf den Rädern. Nochmals beglückwünschten wir uns dazu, die neuen schicken Gelsattel gekauft zu haben, die machten das Fahren hinterteiltechnisch doch wesentlich komfortabler.
Schmale Holzbrücke über den Neckar

Auch die Sache mit dem Anhänger ging uns noch oft durch den Kopf, z. B. immer, wenn wir derartige Brücken überqueren mussten. Da hätte das Teil doch gar nicht durchgepasst, d. h. wir hätten ihn ausladen, rübertragen und wieder einladen müssen. Mal abgesehen davon, dass wir noch gar nicht so weit gekommen wären mit dem Teil. Aber da kommen noch mehr Stellen, wo Fahren mit Anhänger nur sehr umständlich oder gar nicht möglich ist.

Das ist übrigens das einzige Unterwegs-Bild vom heutigen Tage, wir hatten wirklich nur das Fahren im Kopf. Fahren und schauen: Guck mal, was da ist! Wo ist das nächste Radweg-Schild? Ist die Landschaft nicht herrlich? Sind wir hier überhaupt richtig? Usw. usw.

In einer Bäckerei in Nürtingen gab es ein zweites Frühstück mit Kaffee und lecker belegten Vollkornbrötchen. Das gab neue Kraft für den weiteren Weg.

Die nächste erwähnenswerte Stadt war Plochingen, die Stadt mit dem bunten Hundertwasserhaus. Nicht mal das haben wir geknipst, welche Schande! ;-) Aber gesehen haben wir es. Schön bunt.

Der Neckar, das reizende kleine Flüsschen von gestern, wurde jetzt immer breiter und mächtiger und so langsam kamen wir in Regionen, wo sich die nahende Großstadt andeutete. Stuttgart war in nächster Nähe und bald auch erreicht. Der Weg führte jetzt durch häßliches Industriegebiet, wir waren im Daimler-Chrysler-Land, diese Firma bestimmte die Landschaft.

Da wir nicht ins Zentrum von Stuttgart wollten, versuchten wir, auf dem kürzesten Wege daran vorbei bzw. durchzukommen, was natürlich völlig fehlschlug. Wir verirrten uns gründlichst. Fuhren zwar teilweise immer noch am Neckar entlang, aber der war jetzt einbetoniert, kaum noch Natur. Dann hatten wir auch den verloren, fuhren einmal im Kreis herum und fragten dann ratlos eine vorbeikommende Familie, ob sie uns wenigstens den Weg bis Bad Cannstatt weisen könnte. Konnte sie und wir fuhren an verkehrsreichen Straßen entlang, es war wirklich nicht mehr schön.

Bad Cannstatt wurde passiert, ein Blick auf die noch geschlossene Kirmes dort geworfen und wieder hatten wir den Weg verloren. Das heißt, nicht verloren, aber wir wussten nicht, in welche Richtung wir fahren mussten. Da trafen wir jemanden, der wohl auf dem Fahrrad “wohnte”. Zumindest hatte er soviel Gepäck da drauf, dass man das vermuten musste. Und irgendwie war es auch so. Er zeigte uns den richtigen Weg, wir sollten hinter ihm herfahren und er erzählte uns ein paar recht unglaubwürdige Geschichten über sich. Dass er den Winter in Brasilien verbrachte und im Sommer hier in Europa rumgurkt. Dass er sich was gespart hätte und momentan davon lebt. Ein “Freizeitmillionär”, wie er sich selbst bezeichnete. Meinte, er kommt so mit ein bis zwei Euro am Tag aus. Irgendwie hatten wir dann aber den Eindruck, das er diese Euros gerne von uns bekommen hätte und ehe er offensichtlich anfangen konnte zu betteln, verabschiedeten wir uns. Keine Ahnung, wie man das einschätzen soll. Vielleicht stimmte ja auch alles, aber es klang allzu abenteuerlich. Vor allem die Stelle, wo er behauptete, 230 bis 250 km am Tag zu fahren. Völlig unglaubwürdig mit einem derart beladenen Fahrrad.

Egal. Wir hatten unseren Weg wieder und waren glücklich aus Stuttgart raus. Sorry, Elvi, dass ich deine Stadt so schlecht mache, wir haben wahrscheinlich die schönen Seiten gar nicht gesehen. Aber das holen wir ein andermal nach. In diesem Urlaub wollten wir einfach nur weiterkommen. :-)

Die Landschaft wurde langsam wieder schöner und natürlicher. Nach einem Kaffee und einem Eis vor so einem Kanu-Clubhaus am Neckar fuhren wir ein ganzes Stück zusammen mit einem Ehepaar aus Dresden (Dräsdn, hach, glang das scheen sägsisch…). Die hatten auch ungefähr unser Tempo drauf und nach ihren Aussagen bewältigten die auch ganz nette Strecken am Tag. Sie waren etwa 10 Jahre älter als wir und waren unterwegs zwischen zwei Verwandtenbesuchen. So hatten wir ein Stück des Weges nette Unterhaltung.

Vor Ludwigsburg bogen sie ab, da sie dort Quartier nehmen wollten und wir überlegten auch kurz, ob wir die dortige Jugendherberge aufsuchen sollten. Wir verwarfen den Plan und fuhren noch ein Stück weiter bis Marbach, wo wir uns was suchen wollten. Das ließ sich zunächst recht furchtbar an: Als wir in die Stadt hineinfuhren, war wohl gerade Feierabendverkehr und es war fast kein Durchkommen. Außerdem wussten wir gar nicht, wo wir hinsollten und fuhren natürlich verkehrt. Steigungen hat es da recht kräftige und wir fuhren mindestens zwei umsonst hoch. Ich war schon ganz schön sauer und hatte keine Lust mehr, da erreichten wir plötzlich und unerwartet doch noch eine niedliche Fussgängerzone.
Fachwerkhäuser in Marbach
Na also. War ja doch ganz gemütlich hier und wir ritten in die Stadtinformation ein, um nach Hotels bzw. Zimmern zu fragen. Die empfahlen uns gleich nebenan den Schillerhof, hatten aber nicht wirklich gute Tipps, nur den Spruch “Billig ist es hier sowieso nicht!”. Wäh! Als wir da wieder rauskamen, sahen wir unsere Dresdner Bekannten vor dem Schillerhof mit ihren Rädern. Na, war das eine Wiedersehensfreude! Sie meinten, vor Ludwigsburg gibt es wohl einen unmenschlichen Anstieg, bis man in der Stadt drin ist und daran wären sie heute gescheitert, weil sie schon über 100 km drauf hätten. Keiner versteht so etwas so gut wie ich!!! Wenn ich was hasse, dann ist das Berge hochfahren. Igitt!

Unsere Männer enterten also das Hotel, um nachzufragen, ob was frei wäre und was es kostet. Es war was frei, aber der Preis war über unserem selbstgesetzten Limit von 50 Euro pro Doppelzimmer. Schimmi wollte weitersuchen, aber ich hatte keinen Bock mehr und drängte darauf, das Zimmer zu nehmen. Klar, ist schon blöd, gleich bei der zweiten Übernachtung über das Limit zu gehen, aber das war ja eh nur ein Richtwert und von Stadt zu Stadt war das Preisniveau halt unterschiedlich. Außerdem hatten wir Urlaub und ich habe keine Lust, da groß rumzufeilschen oder stundenlang zu suchen wegen 10 Euro hin und her.
Gasthof Schillerhof in Marbach
Das Zimmer sah auch ganz nett aus, Bauernmöbel, ein kleines Vorzimmer mit Sitzecke, zwei Einzelbetten, Dusche, WC, Fernseher, hell und freundlich. Wir spulten unser abendliches Programm ab: Rucksackinhalte im ganzen Zimmer verstreuen, duschen, Wäsche waschen, immer dieselben Klamotten anziehen.

Dann gingen wir noch ein bisschen bummeln, weil es noch recht früh am Tage war. Aber dazu mussten wir uns fast schon zwingen, weil wir einen Mordshunger hatten. Wir studierten aushängende Speisekarten in diversen Restaurants und entschieden uns spontan für einen Griechen in der Nähe. Aber erst noch ein bisschen spazierengehen.
Schimmi macht Faxen
Ziemlich bergig, diese Stadt, teilweise kam man schon vom Anstiege hochlaufen außer Atem. Der guten Ordnung halber haben wir uns natürlich Schillers Geburtshaus angeschaut und geknipst.
Schillers Geburtshaus in Marbach
Ziemlich unspektakulär, aber wir sind halt Kulturbanausen, die bei solchen Sachen nicht ehrfürchtig in die Knie sinken… Wir finden dann sowas hier eher sehenswert und luschtich:
Lustiges Schild am Tor
Bei dem Rundgang haben wir dann auch gesehen, wo wir abbiegen hätten müssen, um ganz einfach ins Stadtzentrum zu gelangen. Die Fahrerei vorher hätten wir echt erheblich abkürzen können. Na ja, wissen wir wenigstens morgen früh den leichteren Weg.

Der Grieche hielt, was er versprach. Seit langer Zeit mal wieder rundum griechisch zufrieden, fünf von fünf Sternen! Des Restaurant heißt übrigens “Hermes” und ist in der Strohgasse 9, relativ nahe beim Zentrum, falls mal jemand in Marbach gut essen gehen will. Meine Güte, wir haben aber auch zugeschlagen! Der muss gedacht haben, wir haben drei Tage gehungert.

Dann waren wir satt und was kommt nach satt? Genau, müde. Nicht zu fassen, dass wir gegen 20:00 Uhr schon im Bett lagen, oder?

Ich habe noch etwas ferngesehen, das hätte ich aber lieber lassen sollen, denn im Nebenbett hub binnen kurzer Zeit ein markerschütterndes Geschnarche an, dass durch keinerlei Maßnahmen meinerseits aufhörte. Habe also erstmal den Fernseher lauter gemacht, um was zu verstehen. An Schlafen war nicht zu denken. Ich gab dem Herren sogar mein Kissen, damit er höher liegt und das hilft meistens. Aber dieser völlig ausgepowerte Kerl, der meinte, unbedingt zum Essen drei (!) Bier trinken zu müssen, legte sich nicht auf das Kissen, sondern das Kissen auf sich.

Ok, dachte ich, wenn du schon nicht schlafen kannst, willste wenigstens bequem liegen und holte mir das Kissen wieder. Versuchte zu schlafen. Was nun nicht nur durch Schatzens Geschnarche, sondern auch durch das viertelstündliche Gebimmel der nahen Kirchturmuhr UND der durch das offene Fenster hereinströmenden Essens- und Räucherdünste der unten im Haus liegenden Fleischerei gestört wurde. Meine Güte, was für eine Nacht! Kurz bevor ich den Kerl neben mir erwürgen konnte, muss ich dann aber doch eingeschlafen sein. Vor Erschöpfung. ;-)

Statistik
gefahrene km: 99 Wir sind gut, oder?
Übernachtung: Hotel Schillerhof DZ/Dusche, WC, Frühstück, 65 Euro
Essen: Grieche “Hermes” Endlich mal wieder ein 1-A-Grieche!!!
Wetter: bewölkt, aber trocken, warm früh war es ganz schön frisch
Stimmung: Super nachts kamen Mordgedanken auf, siehe Text ;-)
13. September 2004 | Reise: Neckar-Rhein 2004 | Kommentieren | TB