18. September 2006

Tag 10 - Montag

Strecke: Sault - Mont Ventoux - Sault

Der erste Blick galt heute natürlich dem Wetter. Idealerweise sollte an dem Tag, an dem man da hochfährt, wolkenloser Himmel sein. Nun ja, das traf nicht ganz zu, es gab schon Wolken und es war immer noch windig. Gut, dann hatten wir also keine Idealbedingungen, aber es hätte ja auch noch schlimmer kommen können und erfahrungsgemäß wurde es ja im Tagesverlauf immer besser. Wir hatten gut geschlafen und ich fühlte mich recht fit, was ich gar nicht gedacht hätte nach dem Tag gestern, der ja doch recht anstrengend war.

Los gings auf den Mont Ventoux

Nach dem Frühstück, was für französische Verhältnisse ganz in Ordnung war (es gab sogar eine gewisse Auswahl an abgepacktem Käse, aber man musste aufs MHD achten…), füllten wir also unsere Camelbaks und packten warme Klamotten in die Lenkertaschen. Der Rest blieb im Hotel, da wir ja heute nochmal hierblieben. Das fanden wir ziemlich clever, da wir dann weniger da hoch zu karren hatten. ;-) Gegen 9 Uhr saßen wir auf den Rädern und selbstverständlich war der Mont Ventoux von hier aus so gut ausgeschildert, dass wir auch keine Karte brauchten.

Wir hatten, wie die meisten, die leichteste Auffahrt gewählt, da die mit einer relativ moderaten Steigung beginnt und erst die letzten 6 Kilometer ziemlich haarig wird. Sie ist 26 Kilometer lang und auf diesen mussten ca. 1200 Höhenmeter bewältigt werden. Es gibt noch die kürzeren Auffahrten von Malaucene und Bèdoin aus, aber die sollen über lange Strecken mit 10 % zu Buche schlagen und das muss ja nicht sein, dafür waren wir nicht gedopt genug… ;-) Hauptsache, wir kommen da hoch.

Und daran zweifelte ich schon, als wir noch unten in der Ebene unterwegs waren, denn es blies uns ein dermaßen brutaler Wind entgegen, dass wir da schon kämpfen mussten. Ich stellte mir das dann noch 1200 Meter höher vor und dachte mir so, dass es uns dann wohl da oben wieder runter bläst, falls wir da jemals ankämen. Das würde ich nämlich ganz bestimmt nicht, wenn das so weiterging.

Dann begann die Steigung und sie war wirklich nicht schlimm, aber der Wind! Und so schimpfte und fluchte ich die ersten Kilometer ununterbrochen vor mich hin und verdarb mir damit wahrscheinlich selbst noch das letzte bisschen Motivation. Und nicht nur mir. Schimmi sagte irgendwann, dass wir dann eben umkehren, wenn ich es sage. Alleine würde er da auch nicht hochfahren. Hm. Na toll, damit hatte er mir ganz geschickt den Schwarzen Peter zugespielt und mir den Wind (huh, böses Wort) für mein Gefluche aus den Segeln genommen. Eigentlich wollte ich ja gar nicht zurückfahren, ich wollte es da hoch schaffen, schon weil ich auf das Mont-Ventoux-Radlertrikot scharf war, das es da oben geben sollte. *hehe* Und ich wusste auch, dass Schimmi wahnsinnig enttäuscht sein würde, er hatte sich die ganze Zeit so darauf gefreut…

Nach der Zone im Wald, die nicht so schwer war

Also nix mit umkehren, wir machten an einer Hütte im Wald eine kleine Pause und fuhren dann weiter. Die ganze Zeit sah man von dem Berg rein gar nichts, was vielleicht ganz gut war, dann sah man auch nicht, wie hoch es noch war. Wir fuhren durch einen sehr schönen Wald, erst Mischwald, dann Nadelwald und drehten uns Kehre um Kehre nach oben. Es gab ein paar schöne Aussichtspunkte, an denen man zurück ins Tal schauen konnte. Am Straßenrand gab es Kilometersteine, auf denen auch die aktuelle Höhe angegeben war und da merkte ich, dass mein Höhenmesser zu wenig anzeigte, sozusagen “nachging”. Warum weiß ich auch nicht, vermutlich weil das Teil die Höhe nach dem Luftdruck misst und da kann es je nach Wetterlage Differenzen geben. Aber so war es besser als umgekehrt, hatten wir doch dann immer schon mehr geschafft als der Höhenmesser anzeigte.

Da hoch mussten wir

Wir machten so alle 100 bis 150 Höhenmeter eine kleine Verschnaufpause (also ohne Hinsetzen, nur mal absteigen, durchatmen, Aussicht begucken). Damit kam ich ganz gut zurecht und auch damit, dass uns der Wind im Wald nicht mehr ganz so zu schaffen machte. Außerdem fuhren wir ja in großen Kehren und da war nur immer eine Strecke mit Gegenwind, die andere blies er uns nach oben.
Nur noch eine Geröllwüste und eine sich nach oben windende Straße Bei Kilometer 20 hatten wir dann eine Höhe von 1400 Metern, lt. meiner Ansage auf der Quasselbox. Das letzte Stück war sich relativ leicht gefahren, nur ganz leichte Steigung, aber die Bäume wurden immer niedriger. Wir trafen eine Gruppe deutscher Radler, die waren bereits bei der Runterfahrt, die hatten es schon geschafft und meinten, es wäre nun gar nicht mehr weit. Nö, weit nicht mehr… aaaber laut Adam Riese stauten sich die letzten 500 Höhenmeter nun in den verbleibenden 6 Kilometern. Trotzdem war es schön, mal wieder “Guten Morgen” zu sagen. :-) Dann kamen wir zum Chalet-Reynard, ein Hotel mit Gaststätte an genau dem Punkt, wo sich die Straßen von allen drei Auffahrtsorten treffen. Aber wer übernachtet in so einer ungemütlichen Gegend?

Und da war er auch wieder der Wind. Stärker als je zuvor und wegen der Höhe auch ziemlich kalt. Schimmi zog sich an dem Punkt seine langen Hosen an, ich blieb erstmal bei den kurzen, denn von der Strampelei bleibt man ja doch warm. Und wir sahen, dass es ab jetzt ernst wurde, denn die Straße ging jetzt richtig gut nach oben. Aber hallo! Zu meiner Motivation muss ich sagen, dass es an der Stelle für mich keine Frage mehr gab, ob wir es schaffen würden oder nicht. Jetzt musste ich da hoch, komme was da wolle. Mein Ehrgeiz war geweckt und außerdem: So kurz vorm Ziel gibt man doch nicht mehr auf!

Kilometerstein mit Höhenangabe und derzeitiger Steigung

Von jetzt an war aus auch endgültig vorbei mit jeglicher Vegetation und wir machten uns auf zur Fahrt durch eine Steinwüste. Und es war anstrengend. Wenn in der Kehre Gegendwind herrschte, war ich froh, im kleinsten Gang wenigstens 6-7 km/h “schnell” zu bleiben bzw. überhaupt sitzen zu bleiben und weiterzufahren. Schimmi war wie immer schneller und fuhr mir voraus, manchmal verschwand er hinter einer Kurve und ich sah ihn eine ganze Weile nicht. Aber hier kämpft sowieso jeder für sich allein. Auch der Rennradfahrer, der mich schwer keuchend und nur unwesentlich schneller überholte, hatte es nicht leicht.
Der leider diesige Ausblick von ungefähr 1600 Metern Höhe Manche Windböen waren so stark, dass ich dachte, sie wedeln mich vom Fahrrad und ich war ganz froh, dass wir rechts fuhren, sozusagen am Berg, so dass nicht die Gefahr bestand, da irgendwie runter zu fallen. Bei Höhe 1600 machte ich eine Ansage auf der Quasselbox. In irgendeiner Kurve wartete dann Schimmi wieder auf mich zusammen mit ein paar Leuten, die da mit dem Auto unterwegs waren und fotografierten. Irgendwie war ich ziemlich genervt davon, wie die da alle standen und mich beglotzten, wie ich mich gegen den Wind und die Steigung da hochquälte. Das kann ich ja nun gar nicht leiden, deshalb fuhren wir auch bald weiter. Irgendwann kam rechts das Denkmal für diesen Radrennfahrer Tom Simpson, der hier den Tod fand.

Schimmi fuhr bald wieder weit vor mir und ich kämpfte, den Höhenmesser beobachtend und wohl wissend, dass es nun nicht mehr weit war. Das letzte Stück ist dann wirklich die Härte und man hat das starke Bedürfnis, das Rad stehen zu lassen und den Rest zu laufen. In der letzten Kurve vor dem Gipfel musste ich dann auch absteigen, aber nur, weil es mich ansonsten runtergeworfen hätte. Hier in der Kurve war der Wind so stark, dass ich, nachdem ich fast gefallen war, noch gerade so meine Mütze festhalten konnte, sonst wäre die über alle Berge (hahah!) geflogen. “Du kannst mich mal, blöder Berg!”, dachte ich und schob mein Rad und mich die letzten 50 Meter hinauf, wo Schimmi mich schon bis an beide Ohren grinsend erwartete.

Da sind wir beide bereits oben Wir waren oben! Ich konnte es kaum fassen und als ich mich ein Weilchen hier umgeschaut hatte, fragte ich mich, warum wir uns hier hochgequält hatten. Landschaftlich ist es hier noch häßlicher als auf dem Brocken im Harz und die Aussicht ließ in diesem Moment auch noch stark zu wünschen übrig, da wir uns mitten in den Wolken befanden. Irgendwie hatte ich wohl noch nicht realisiert, dass wir es geschafft hatten. Schimmi war schon mit einer Gruppe Motorradfahrern aus dem Ruhrgebiet am Schwatzen und wir machten gegenseitige Fotos.
Sieht ja doch irgendwie geil aus Andererseits, irgendwie cool war es ja schon, soweit oben zu sein, in den Wolken und ich überlegte, dass wir das hier gestern von ganz unten gesehen hatten. Und so langsam fand ich es auch toll, hier zu sein und vor allem mit dem Fahrrad (kein Rennrad und auch kein Mountainbike). So, nun aber zum Allerwichtigsten, nämlich das Radlertrikot. Wir rein in den Andenkenladen und geguckt und wieder raus aus dem Andenkenladen. Ohne Radlertrikot. Denn wir waren nicht bereit, dafür 65 Euro zu zahlen. Die spinnen ja wohl! Sogar für ein schlabberiges T-Shirt, wo “I did it - Mt. Ventoux” draufsteht und das wahrscheinlich nach zweimal waschen dreimal so groß ist, wollten die 60 Euro haben. Nö. Das war es mir nicht wert. Ich hätte es zwar gerne als Erinnerung gehabt, aber nicht um diesen Preis. Und so nahmen wir uns einen Stein mit. Den gabs umsonst. :-) Andererseits: Wenn sich jeder, der hier raufkommt, einen Stein mitnimmt, ist der Berg irgendwann nicht mehr da, oder? *g*
Blick nach unten durch die Wolken Restaurant ganz weit oben
Da die Aussicht also nicht so berückend war, beschlossen wir, in das Restaurant einzukehren, was es da ein Stück weiter unten gab und uns erstmal aufzuwärmen. Das war eine gute Idee, denn so kamen wir noch zu zwei gewaltigen Sandwiches zwecks Auffüllung der verbrauchten Kalorien und der Kaffee war auch nicht schlecht, so dass wir gleich zwei davon tranken.
Man konnte soooo weit schauen, einfach unglaublich Kurz vor der Abfahrt
Bevor wir wieder rausgingen, zog ich mir auch meinen dicken Fliespulli an, denn die bevorstehende Abfahrt würde wieder eisig kalt werden und diesmal entfiel das warmhaltende Strampeln. Und siehe da, die Wolken hatten sich verzogen und wir hatten einigermaßen freie, wenn auch diesige Sicht auf den Rest der Welt da unten. Aber der Wind pfiff uns nach wie vor um die Ohren und es war kalt, also machten wir noch ein paar Fotos und dann ab nach unten.

Da unten waren wir gestern entlanggefahren Das war ein Ritt! Anfangs gab es Passagen, da hatte ich richtig Angst, vom Fahrrad zu fliegen und den Berg runterzukugeln. Unglaublich, wie sich das anfühlte: Da kam der Wind eine Strecke lang von hinten und man hatte ein abartiges Tempo drauf, dann ging es um die Kurve und der Wind bremste einen von vorn bis fast auf Null herunter, so dass man sogar treten musste, um vorwärts zu kommen. Dazu kam, dass man ja jetzt rechts, also am Abhang entlang fuhr und aufpassen musste, dass man bei so eine Bö auf der Straße zu bleiben. Teilweise habe ich England gespielt und bin links gefahren, was ein paar entgegen kommenden Autos gar nicht gefallen hat. Mir doch egal, was geht mich fremdes Elend an?
Hohe Berge ganz klein Nachdem wir am Chalet-Reynard wieder vorbei waren, wurde es ruhiger und es ging auch nicht mehr so steil bergab. So langsam kamen dann auch die Bäume wieder und es wurde wärmer. Ab da genossen wir die Abfahrt. Anders als beim Raufstrampeln konnte man jetzt einen oder auch mehrere Blicke in die Landschaft werfen und den einen oder anderen mitleidigen Blick auf die entgegenkommenden Radler, die jetzt haufenweise unterwegs waren. Wobei ich es schon einigermaßen bekloppt finde, in der Mittagshitze loszufahren. Gut, vielleicht würden die da oben nicht so frieren, aber hier war es schon wieder ziemlich heiß. Aber das muss wohl jeder selber wissen.

Vor Sault kam nochmal ein Anstieg hoch in die Stadt, aber vorher zogen wir die warmen Sachen aus, denn mittlerweile schwitzten wir schon vom Rollen. Es war wieder ein sehr heißer Tag, von dem wir nur bisher noch nichts mitbekommen hatten. Im Hotel angekommen, ging Schimmi gleich duschen und ich legte mich aufs Bett und schlief fast übergangslos ein. Mannomann, ich war ja doch ganz schön fertig. Als ich ne Stunde später oder so wieder aufwachte, war Schimmi gerade dabei, die Karte zu wälzen und unsere Weiterfahrt für morgen zu planen. Kriegte der Kerl denn nie genug? Ich könnte wetten, wenn ich nicht gestreikt hätte, wären wir heute noch weitergefahren. Aber so war es besser.

Nach meinem Kurzkoma war ich wieder ausgeruht, machte mich ein bisschen frisch und dann machten wir uns auf in die Stadt. Als erstes brauchten wir einen Supermarkt, um ein paar Sachen wie z. B. Sonnencreme nachzukaufen. Den fanden wir auch etwas außerhalb, nur Sonnencreme hatte es nicht. Man verwies uns in die Apotheke (davon gab es in jeder Stadt ungefähr 100), aber da war das Zeug ähnlich affenteuer wie bei uns. Dann ließen wir es. Wenn alles klappte, würden wir morgen in Aix-en-Provence ankommen und da würden wir schon welche kriegen. Bis dahin reichte es noch.

Da war er noch mal von unten Den Rest des Nachmittags verbrachten wir bummelnd, kaffeetrinkend und Snacks essend in der Stadt, was mal richtig gut tat. Einfach mal nichts tun und sich auf den am Vormittag verdienten Lorbeeren ausruhen. Wir waren ja doch ganz schön stolz, dass wir da oben waren. ;-)

Zum Abendessen landeten wir doch wieder in der “Pizzeria” von gestern, einfach weil heute zum Montag hier scheinbar fast alles geschlossen war, wo man noch hingehen könnte. Diesmal entschieden wir uns für eine Pizza 4-Jahreszeiten. Vorher allerdings brachten wir die Leutchen mit viel Überredungskunst dazu, einen gemischten Salat für uns zu machen und nicht nur grüne Salatblätter mit reichlich Öl zu übergießen und das dann als Salat zu verkaufen. Wir meinten, so mit Mais und Gurken und Tomaten… Man nickte eifrig und brachte dann eine Schüssel, in der es wirklich recht bunt aussah. Ok, die Gurken waren Gewürzgurken, keine grünen und der Mais war so dieser Kölbchenmais aus dem Glas, aber es war ok. Die Pizza war es nicht, die schmeckte gar nicht und war dazu innen noch kalt. Außerdem war alles was da drauf war, aus der Konserve, das schmeckte man. Komisch, im Reiseführer hatten wir gelesen, dass die Franzosen allergrößten Wert auf frische Zutaten legen und man deshalb auch sehr wenig Fertiggerichte kaufen könne. War jetzt der Reiseführer zu alt oder entdecken die Franzosen gerade die Welt der Tütensuppen und Mikrowellengerichte? Oder hatten wir einfach nur Pech?

Egal. Morgen würden wir wieder woanders sein, noch tiefer im Süden. Und auf die Etappe freute ich mich, wir einige schöne Fleckchen der Provence kennenlernen.

Und: We did it! Mont Ventoux, 1909 m ü. M., bezwungen von zwei durchgeknallten Reiseradlern am 18. September 2006!!!

Statistik
gefahrene km: 53,1 in 3 h 56 min Fahrzeit 1.258 Höhenmeter
Übernachtung: Hotel d’Albion in Sault nochmal wie gestern
Essen: Pizza 4-Jahreszeiten Das war nicht so toll
Wetter: auf dem Berg Wind ohne Ende, dann Sonne ohne Ende immer noch sehr heiß
Stimmung: könnte gar nicht besser sein wir sind stolz wie Oskar
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