13. September 2006

Tag 05 - Mittwoch

Strecke: La Sarraz - Allonzier-la-Caille

Heute erwartete uns wieder allerbestes Wetter beim Aufstehen, es war zwar noch etwas dunkel draußen, aber fast wolkenlos. Wir gingen runter zum Frühstücken und das hatte schon viel Französisches: Croissants, Baguette, jede Menge Marmelade und Honig, aber immerhin noch Schinken und pro Mann zwei Stück Käse. Da waren auch schon ein paar Arbeiter am Frühstücken und taten das typisch französisch: Einen Pott Cafè au lait und ein Croissant. Mehr brauchen die nicht. Für Fahrradfahrer ist das aber nicht so die richtige Grundlage.

Schimmi bei der Weinlese

Wir waren heute schon recht zeitig auf der Piste, noch vor 8 Uhr gings los. Erstmal durch ne nicht so schöne Gegend, Industrie- und Gewerbegebiet, aber dann wurde es wieder schöner. Ein Stück ging es durch den Wald, den eine Menge Hundebesitzer zum Ausführen ihrer fleischfressenden Monster nutzten. Einmal war ich echt froh, dass Schimmi ausreichend lange vorher geklingelt hatte, damit die Teile an die Leine genommen werden konnten, so wie die gefaucht, geknurrt und gebellt haben, hätten die uns glattweg zerfleischt. Ich hasse sowas! In Frankreich schien es sowieso üblich zu sein, Hunde frei laufen zu lassen, egal wo und egal, ob sie sich benehmen konnten oder nicht. Nix für mich.

Je näher wir dem Genfer See kamen, desto hügeliger wurde es und wir machten ein paar Höhenmeter. Aber deshalb heißt es ja auch Weinberge und nicht Weinflachland. Schimmi war im Schlaraffenland und ich eigentlich auch, denn es gab nicht nur Wein zu klauen, sondern auch jede Menge leckerer Äpfel und Birnen und so füllten wir unsere Obstvorräte auf.

Wegscheide: Wir waren am Genfer See

Schließlich, nach ca. 20 km waren wir sozusagen am Scheideweg. Wir verließen an dieser Stelle unseren Radweg Nr. 5, der in Lausanne sowieso endete und wollten auf der Nr. 1 (die Rhône-Route, die in Andermatt beginnt) bis nach Genf am See entlangfahren. Gut, dafür mussten wir zunächst mal an einer vielbefahrenen Straße entlang, aber da ich vorher ne Menge Reiseberichte gelesen habe, erstaunte mich das nicht, da die meisten sagen, dass es sich am Genfer See relativ bescheiden fährt mit dem Fahrrad. Dieser See ist von großen Autostraßen und Autobahnen sozusagen umbaut und die nahe Großstadt Genf erzeugt natürlich eine Menge Verkehr. Andererseits hatte uns ein Radlerpärchen unterwegs erzählt, dass der Radweg über die Weinberge geführt sei, dies aber sehr anstrengend zu fahren sei, weshalb die meisten die leichtere, aber eben auch häßlichere Straßenvariante wählen. Wir hätten dies bis vor einem Jahr wohl auch noch gemacht…

Wir kamen zunächst jedoch erstmal an der Straße entlang nach Morges, wo wir gleich einen Zugang zum See fanden und erstmal anhielten:
Der Genfer See bei herrlichstem Sonnenschein Schimmi geniesst die Sonne
Das war doch schonmal ein nettes Plätzchen und wir waren begeistert. Gegenüber türmten sich ziemlich hohe Berge, die aber aufgrund der wie immer diesigen Sicht nur schemenhaft zu sehen waren. Der See wirkte ganz schön groß und man fühlte sich fast wie am Meer, obwohl er mit 582 km² nur unwesentlich größer ist als der Bodensee (536 km²). Das habe ich aber auch erst eben gegoogelt, wir hatten eigentlich geschätzt, dass er viel größer ist.

Bei der Weiterfahrt gerieten wir bei unserem Versuch, direkt am See zu bleiben, auf einen Fitnessparcour, so eine Art Trimmdichpfad. Gut, da kann man durchaus auch mal mit dem Fahrrad drauf lang fahren, aber wirklich vorwärtsgebracht hat uns das nicht. Schließlich landeten wir doch wieder an der Straße, die aber jetzt nicht mehr so stark befahren war, wahrscheinlich weil unweit eine Autobahn in dieselbe Richtung führte. Wenig später kamen wir an diese Stelle:
Sonne glitzert auf dem Wasser Genau der richtige Platz für ein Kaffeepäuschen
Meine Begeisterung ob dieses paradiesischen Plätzchens und Schimmis dazugehöriger Idee hielt ich auf der Quasselbox fest. Die Aufnahme knarzt zwar manchmal ein bisschen, ist aber glaube ich zu verstehen (ich würde mich überhaupt mal über ein Feedback bezüglich der Hörbarkeit der Quasselbox-Aufnahmen freuen).

Schimmi beim Weintrauben schlemmen

Weiter ging es und nun merkten wir, wie es aufwärts ging. Mit der Straße. Es ging hoch in die Weinberge, wir verloren irgendwie unseren Radweg und fuhren, wie wir dachten. Die Richtung war ja durch den See unten vorgegeben, da konnte nichts schiefgehen und so cruisten wir in einem ständigen Auf und Ab und Hin und Her durch die Weinberge. Auf einem Memo habe ich gesagt: “Wir kommen zwar heute nicht so richtig aus der Knete, aber wir haben unheimlich viel Spaß!”, worauf Schimmi sagte: “Und ne Menge Weintrauben im Bauch.” Das stimmte. Wir befürchteten ob dieses exzessiven Weintraubenkonsums das Schlimmste bezüglich unserer Verdauungsorgane. Oha!
Hoch in die Weinberge am Genfer See Und es ging immer weiter nach oben und das wurde jetzt wegen der Mittagshitze ein bisschen unangenehm. Wir schwitzten gewaltig, denn Weinberge liegen bekanntermaßen immer in der besten Sonnenlage. Auch der Sonnenschutz musste erneuert werden und wie es aussah, würden wir heute auch nochmal Wasser nachtanken müssen. Wir hatten zwar immer jeder ca. 2,5 Liter dabei, aber das würde heute nicht reichen. Mein Tacho zeigte im Schatten 31 Grad an und das war gegen halb eins.

Eine Stunde später waren wir durch Nyon durch. Durch derlei große Städte fahren macht keinen Spaß und erst recht nicht, wenn es so warm ist. Andererseits wollten wir auch langsam mal in Genf ankommen und wir merkten, dass die Gurkerei durch die Weinberge zwar schön zu fahren war, aber auch unheimlich Zeit kostete. Da wir gerade auf der Straße unten waren, beschlossen wir, hier mal eine Weile weiter zu fahren, um voranzukommen. Das war zwar nicht schön, aber schnell.

Wir machten noch eine Pause an einer Shell-Tankstelle an der Straße, dort tranken wir was und füllten unsere Wasservorräte nach. Eine ältere Frau sprach mich an, als Schimmi im Shop war, sie hätte die Räder gesehen und interessierte sich für die Reiseradelei. Wo wir denn hinwollten und herkamen. Ich unterhielt mich eine Weile mit ihr, dann mussten sie weiter. Sie war einer der Menschen, die diesen verträumten Blick bekommen, wenn wir erzählen, was wir tun und wie wir unseren Urlaub verbringen und denen man anmerkt, dass sie sowas selbst gern mal machen würden oder früher gemacht hätten. Die andere Sorte Menschen kriegen diesen entsetzten, ungläubigen Blick, der aussagt: Um Himmelswillen, das ist doch kein Urlaub, die sind ja völlig verrückt!

Der große Springbrunnen in Genf Kurz nach 15 Uhr waren wir bei Kilometer 85 endlich in Genf, standen am See und betrachteten die riesige Wasserfontaine, an der man die Stadt erkennt. Das war in einem großen Park, der sowas wie ein Naherholungsgebiet für die Genfer zu sein schien. Hier lagen die Leute auf der Wiese und sonnten sich, es waren eine Menge Segelboote auf dem See und am Wasser befand sich so eine Art Jachtclub. Wir setzten uns eine Weile hin, um uns von dem Ritt auf der Schnellstraße zu erholen und wälzten die Karte, wie wir nun hier wieder rauskamen und das optimalerweise auch noch in der von uns geplanten Richtung. Laut Reiseführer sollten wir uns in Richtung Veyrier orientieren und dort die Grenze nach Frankreich passieren.

Toller Tipp. Die Stadt war riesig und wir völlig orientierungslos. Also schlugen wir uns bis zum Bahnhof durch und studierten die dort aushängende Stadtkarte. Danach fuhren wir tapfer weiter inmitten des Großstadtverkehrs, bis wir ein Radwegschild sahen, auf dem “Veyrier-Mont Saleve” stand, genau die Richtung, die wir brauchten. Also dem nachgefahren, aber nicht lange, dann hatten wir das Gefühl, uns im Kreis zu bewegen. An einer riesigen Kreuzung orientierten wir uns sogar an der Sonne: Die stand gerade in Richtung Westen, wir mussten nach Südosten, also los! Und das hat gepasst. Die hochaufragende Bergkette des Mont Saleve wies uns den weiteren Weg. Da mussten wir zwar nicht rauf, aber dran vorbei.

Die Bergkette des Mont Salève Kurz vor Veyrier bot uns noch eine Frau, die mit ihrem Sohn mit Rad unterwegs war, Hilfe an (in Deutsch!) und so wussten wir, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Wir passierten in Veyrier die Grenze und mussten dann ein Stück auf dieser Nationalstraße N206 entlangfahren.
Nochmal der Mont Salève Das war zwar wieder mal recht laut, aber daran waren wir ja heute schon gewöhnt. Wir wurden aber entschädigt durch diesen herrlichen Blick die ganze Zeit auf den Mont Saleve, an dessen Gipfel entlang eine Menge Paraglider unterwegs waren, kein Wunder bei dem herrlichen Wetter. Wir folgten weiter der Wegbeschreibung im Reiseführer, bogen von der Nationalstraße auf die D906A ab und gurkten dort erstmal ein bisschen bergauf bis wir an eine unvorhergesehene Baustelle kamen. Die Straße war gesperrt und die ausgeschilderte Umleitung führte einen Mörderberg rauf. Nö. Da hatten wir nach unserem Pensum heute, wir waren bei über 90 km, keinen Bock mehr drauf. Es ging ja auch so schon bergauf genug!

Wir fuhren also unbeeindruckt weiter, bis wir die Baustelle erreichten und da war wirklich dicht, die Bauarbeiter schüttelten bedauernd die Köpfe und wiesen auf die Umleitung. Wir bettelten, ob wir nicht trotzdem eben durch dürften und einer der Leute, der auch ein bisschen englisch konnte, hatte Erbarmen mit und und öffnete die Absperrung. Wir mussten die Räder allerdings durch tragen, aber das war nicht so schlimm wie die Umleitung. Ein paar Motorradfahrer, die es auch versucht hatten, wurden zurückgeschickt. Wir bedankten uns heiß und innig und fuhren weiter.
Und im Hintergrund die hohen Berge Immer weiter hoch ging es, aber es war nicht besonders anstrengend, man merkte es teilweise nur am Höhenmesser. Wir fuhren inzwischen auf der D15, einer wenig befahrenen Straße in Richtung Cruseilles und hatten nun zur Belohnung die ganze Zeit einen hervorragenden Ausblick auf die Landschaft und die Berge. Das war der positive Aspekt. Der negative bestand darin, das ziemlich lange Zeit keine Ortschaft kam, wo eine Chance auf Übernachtung bestehen würde. Alles nur so kleine Mokchen, die aus drei Häusern und nem Gulli bestanden. Und so langsam hatten wir auch den Kanal für heute voll.

Wir ließen viele Orte hinter uns Um kurz vor 6 waren wir in La Muraz auf 650 m ü. M. Man sieht also, wir hatten uns schon hübsch nach oben gearbeitet, der Genfer See liegt 300 Höhenmeter tiefer. Dort gab es ein Restaurant und Schimmi ging rein, um zu fragen, ob es im Ort auch Zimmer zu vermieten gab. Der Koch sprach sogar deutsch und war sehr nett. Leider gab es in dem Örtchen überhaupt keine Unterbringungsmöglichkeiten. Aber die nächste Stadt war Cruseilles und dort gab es wohl zwei Hotels und rief er freundlicherweise an. Leider waren die auch ausgebucht. Au weia! Das ließ unsere Motivation in den Keller sinken. Bis dorthin waren es noch ca. 15 Kilometer und wenn wir dann noch weitermussten? Allerdings meinte er, dass es von nun an nur noch bergab gehen würde.

Aha. Diese Menschen scheinen eine andere Vorstellung von bergab zu haben als wir. Auf jeden Fall ging es weiter bergauf und das nach unserem Empfinden steiler als vorher. Und ich hatte keine Lust mehr zu fahren, ich wollte eine Dusche, was zu essen und ein Bett. Und beklagte mich diesbezüglich bitterlich bei meiner Quasselbox. Wobei meine Höhenangabe in diesem Memo mit Vorsicht zu genießen ist, ich glaube, der Höhenmesser ging an diesem Tag 100 Hm vor oder so.

Wir schafften es trotzdem bis Cruseilles und versuchten, dort wenigstens eines der beiden Hotels zu finden, vielleicht hatte ja jemand storniert? Aber nach einer halben Stunde sinnlosen Suchens in dieser nicht gerade hübschen Stadt beschlossen wir weiterzufahren und nicht noch mehr Zeit zu vergeuden. Wir fuhren nun wieder auf der N201 und mit dieser über die Ponts de la Caille. Zwei phantastische Brücken über eine Schlucht mit fast senkrecht abfallenden Wänden, die wir aufgrund der hereinbrechenden Dunkelheit und auch unserer Müdigkeit und Eile, endlich ein Quartier zu finden, gar nicht richtig angeschaut haben. Schade, aber jetzt nicht mehr zu ändern.

Wir kämpften uns vorwärts und um viertel nach sieben ritten wir in Allonzier-la-Caille ein. Schon an der Straße waren uns Hinweisschilder für Hotels aufgefallen und wir waren guter Hoffnung.

Die Fahrräder waren mit auf dem Zimmer Und siehe da, gleich am Ortseingang erwartete uns dieses Etablissement: La Bonne Auberge. Das sah auf den ersten Blick zwar ziemlich geschlossen aus, aber ein Schild wies nach oben einen Hügel rauf, es sollten ca. 100 Meter sein. Wir also rauf da. Es war sehr steil und ich stieg irgendwann ab. Schimmi fuhr bis hoch und wir fanden dort ein hübsches Restaurant, das auch irgendwie nach Hotel aussah und Schimmi ging rein, um zu fragen. Ein paar Minuten später kam er wieder raus: Es waren Zimmer frei, das ganze kostete pro Person 46 Euro inclusive Frühstück und einem Menü zum Abendessen, wir mussten die Fahrräder mit aufs Zimmer nehmen und das Hotel war unten und essen gab es hier oben. Frühstück würde es aber morgen unten geben.

Ok, das war doch so schlecht nicht und wie gesagt, von außen sah alles prima aus. Wir bekamen den Schlüssel und düsten wieder runter. Dort schaute sich Schimmi erstmal das Zimmer an und sein Gesicht sagte alles, als er wieder raus kam. Dann ging ich rein zum gucken und das erste, was ich sah, war eine fette schwarze Spinne, die an der Flurwand entlang lief. Das zweite war ein Typ, der aus dem Nebenzimmer kam und mich anzüglich angrinste.

Unsere Absteige von außen Ok, allein der erste Fakt hätte mich im Normalfall dazu veranlasst, schreiend das Haus zu verlassen, aber dies war eben kein Normalfall. Es war spät, es wurde dunkel, wir hatten fast 130 km und 1200 Höhenmeter hinter uns und ich konnte einfach nicht mehr und in diesem Zustand bin ich durchaus kompromissbereiter als sonst… Ich bat Schimmi darum, bitte mein Fahrrad auch mit hochzutragen (wir mussten die Teile über eine enge Aussentreppe über einen noch engeren Flur tragen) und wir nahmen widerstrebend unser Quartier in Beschlag. Die Spinne ließ ich natürlich von Schimmi terminieren.

Man vergleiche doch bitte mal das Bild, was wir gemacht haben, mit dem auf deren Homepage. Der Unterschied ist echt der Hammer! Auf der Seite sieht es aus wie ein Nobelhotel und in Wirklichkeit ist es eine ganz üble Absteige. Da wird man ziemlich verarscht, wenn man sowas im Voraus online bucht. Bei den Betten waren wir uns nicht sicher, ob die frisch bezogen waren, wir entschieden uns aber dafür, weil wir damit ein besseres Gefühl hatten. Die Möbel waren uralt und teilweise kaputt, die Decken vom Roten Kreuz oder von der Heilsarmee, keine Ahnung. Nach dem Duschen (wir mussten unsere eigenen Handtücher benutzen, weil keine da waren) fühlten wir uns schon besser und machten uns auf, um unser Abendessen einzunehmen. Also wieder hoch auf den Berg.

Das Essen war ganz in Ordnung, wie uns auch dieses Restaurant recht nett vorkam, zumindest ordentlicher als die Herberge. Den Bericht über das Essen gibt es in der Quasselbox.

Richtig wohl fühlten wir uns in den Betten nicht, auch der Lärm von der Nationalstrasse war ziemlich heftig, aber wir waren so kaputt, dass wir wohl auch unter der Brücke eingeschlafen wären.

Statistik
gefahrene km: 127,5 in 8 h 28 min Fahrzeit 1.207 Höhenmeter
Übernachtung: La Bonne Auberge in Allonzier-la-Caille eine übelste Absteige!
Essen: Menü mit einem Fleischgericht im hoteleigenen Restaurant war ok, wir wurden satt
Wetter: den ganzen Tag Sonne satt und sehr warm heute war es fast zuviel des Guten
Stimmung: müde aber nach der Tagesleistung wohl kein Wunder
13. September 2006 | Reise: Schweiz - Frankreich 2006 | 2 Kommentare | TB