15. September 2006

Tag 07 - Freitag

Strecke: Montmèlian - Villard-de-Lans

Dichte Wolken am nächsten Morgen

Um 7 Uhr sollte es heute Frühstück geben, wir waren schon eher fertig und gingen noch eben raus, um das Wetter zu checken. Leider sah das nicht so toll aus, es hatte sogar geregnet, aber im Moment war es trocken. Na ja, das kannten wir ja schon und ließen uns davon nicht weiter beeindrucken. Erstmal Frühstücken. Das Frühstück war wieder sehr französisch, aber immerhin gab es etwas Wurst und Käse und für mich Müsli mit Joghurt und Obstsalat. Das war gut, denn wir hatten heute viel vor. Allerdings war die Dame, die die Gäste beim Frühstück betreute nicht mal ein Zehntel so nett wie die Belgierin gestern abend. Immerhin erlaubte sie uns gnädigst, unsere Rechnung zu begleichen, aber erst nachdem sie fertig telefoniert hatte. Auch dass wir unsere Räder aus der Garage brauchte, wusste sie, jedenfalls entnahmen wir das dem französischen Wortschwall, in dem das Wort Velo enthalten war.

Als erstes fuhren wir zu dem Supermarkt, wobei wir merkten, dass die Entfernungsangaben hier sehr großzügig gehandhabt werden. Von wegen 300 Meter, das waren mindestens drei Kilometer, dann waren wir an so einem Supermarchè. Schimmi ging rein, legte in den Korb, was er zu kaufen beabsichtigte, ging zur Kasse und… wurde abgewiesen. Der Markt hatte noch gar nicht geöffnet. *lol* Hallo? Wieso sind dann die Türen offen? Und wieso lassen sie die Leute die Wagen vollpacken? (Schimmi war nicht der einzige) Merkwürdige Methoden. Immerhin handelte es sich nur um 10 Minuten, dann war offiziell auf und Schimmi “durfte” bezahlen.

Wir fuhren die drei Kilometer zurück und suchten die D2 in Richtung Chapareillian, wie es im Reiseführer in der Etappe 77 (Montmèlian-Grenoble) beschrieben ist.

Dazu vielleicht mal folgende Erklärung: Dieser Reiseführer teilt Südostfrankreich in 116 Etappen ein, die dort kreuz und quer verlaufen. Es gibt eine Übersichtskarte, in der die Strecken nach dem Schwierigkeitsgrad (leicht, mittel, schwer, extraschwer) und nach den Sehenswürdigkeiten (reizvoll o. Verbindungsstrecke, sehr eindrucksvoll, ein Erlebnis) gekennzeichnet sind. Auch besonders schöne oder sehenswerte Etappenziele sind markiert. Dem Leser bleibt es nun überlassen, eine ihm genehme Mischung herzustellen, nach der gefahren wird, wobei mit es natürlich so ist, dass die sehenswertesten Strecken auch die schwersten sind. Jedenfalls meistens. Jede Etappe ist einzeln beschrieben mit Skizze, es werden Sehenswürdigkeiten erwähnt und Übernachtungsmöglichkeiten aufgeführt, natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Alles in allem eine höchst praktische Sache, man braucht allerdings die Michelin-Karten dazu, da man allein nach den Skizzen nicht fahren kann. Und außerdem will man ja vielleicht auch mal ganz anders fahren, wie wir das gemacht haben.

Wir hatten heute die Etappen 77 nach Grenoble und 78 nach Villard-de-Lans auf unserem Fahrplan und dabei war die letztere mit 34 km die kürzere, allerdings war dabei ein Höhenunterschied von über 800 Meter zu bewältigen. Ich sagte ja, wir haben heute viel vor…

Aber der Reihe nach. Der erste Teil der Fahrt wäre heute sehr sehenswert gewesen, wenn die Sicht besser gewesen wäre, aber der Himmel war wolkenverhangen und selbige hangen so tief, dass wir zeitweise im dichten Nebel fuhren, aus dem es auch manchmal etwas regnete. Wir passierten auf diversen Nebenstraßen, auf denen es zum Teil hügelig auf und ab ging, viele kleine Ortschaften bis Le Touvet, wo wir auf die N90 auffuhren. Es führt zwar auf der anderen Seite der Autobahn noch eine D-Straße nach Grenoble, aber die ist genauso stark befahren. Klar, laut Karte hätte man auch einen schöneren Weg nehmen können, aber dazu hätten wir wieder die Berge hoch klettern müssen und dann würden wir die zweite Etappe heute nicht mehr schaffen.

Die Sonne kommt raus

Wenigstens wurde das Wetter langsam besser, inzwischen sah man blauen Himmel und Sonne und wir kamen sehr schnell voran. Und man sah die herrlich felsigen Berge rechts und links jetzt wenigstens ein bisschen, obwohl noch teilweise von Puschelwolken verhüllt. Als es dann auf Grenoble zuging, fuhren wir die ganze Zeit schön abschüssig und an der Straße war auf einmal ein Radweg, was die Fahrerei doch sicherer machte. Für Grenoble hatten wir einen schönen Plan, wie wir ohne ins Zentrum zu müssen, gleich auf die Straße kommen, die uns wieder rausführt in Richtung Villard-de-Lans. Und wie das immer so ist mit unseren Plänen in Großstädten: Sie schlugen gründlich fehl und binnen kurzen hatten wir uns aufs Feinste verfranst.

Aufstieg hinter Grenoble

Wir fuhren an einem Kreisverkehr auf einen Parkplatz, um die Karte zu studieren und Schimmi interviewte einen Taxifahrer, der ihm ausführlichst und mit Skizze erklärte, wie wir den Weg finden würden. Du liebe Güte, waren wir wirklich so völlig falsch gefahren? Wir mussten zurück, dann den Straßenbahngleisen bis zum Bahnhof folgen, dort durch einen Tunnel und dann eine bestimmte Straße immer geradeaus. Und das zog sich hin wie nur was und natürlich ging es wieder durchs Zentrum und durch die Fußgängerzone. Ok, Grenoble ist ganz hübsch und vielleicht hätten wir uns mehr Zeit nehmen sollen, aber wir wollten ja noch ein ganzes Stück weiter heute und dort nicht erst im Dunkeln ankommen.

Kurz bevor wir dann aus Grenoble raus waren, suchten wir noch eine Boulangerie heim, um genügend Kohlenhydrate zum Nachfüllen dabei zu haben. Man weiß ja nie… Gegen halb zwei hatten wir dann endlich den letzten Kreisverkehr erreicht und bogen in die von uns gesuchte D531 ein. Und sofort ging es aufwärts und das zum Anfang ganz schön heftig. Offensichtlich war das aber eine Straße, auf der oft und viele Radfahrer unterwegs sind, denn überall standen Hinweisschilder für die Autofahrer, doch Mindestabstand zu den Radlern zu halten. Und das taten die sogar. Wir fühlten uns trotz des noch ziemlich starken Autoverkehrs relativ sicher auf der Straße und rödelten uns Kehre für Kehre nach oben.

Und immer höher geht es

Da es hier auch am Fahrbahnrand eine Straßenmarkierung gab, fing ich an, dort die Striche zu zählen und versprach mir selbst alle 100 200 Striche eine kleine Atempause. Schimmi konnte darüber nur müde lächeln, den schien es kaum anzustrengen. Bah, wie demotivierend für mich! Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit belief sich zum Anfang auf acht bis neun km/h, schneller ging es bei mir wirklich nicht, da hätte ich nicht lange durchgehalten. Da war ich immer am Rechnen, wie lange wir wohl für die angezeigten 28 Kilometer noch brauchen würden. Aber später sollte es ja leichter werden, weil nicht so steil.
Wieder mal: Ilona am Berg Trotzdem war ich heute aber gut drauf, fit und mit Eifer bei der Sache. Ich wollte da unbedingt hoch, denn weiter oben kündeten schon hohe felsige Berge von landschaftlichen Hochgenüssen und das wollte ich auf jeden Fall sehen. Hier mein Statement auf der Quasselbox. Wie man sieht, hatte sich das Wetter inzwischen wieder bei Sonnenschein eingepegelt, so dass wir heftigst schwitzten. Aber nach 15 Kilometern war das Schlimmste geschafft, von jetzt an ging es zwar auch noch bergauf, aber lange nicht mehr so schlimm, so dass wir auch unsere Durchschnittsgeschwindigkeit etwas erhöhen konnten.
Felsenlandschaft hinter Grenoble Die Straße wurde immer abenteuerlicher, Felsen gingen steil nach oben, am Rand guckte man senkrecht nach unten und manchmal hingen sie sogar über die Straße wie auf dem Bild hier. Echt sehenswert. Es war wie im Donautal, nur viel näher und viel höher. Wir waren restlos begeistert und die Anstrengung war fast schon wieder vergessen.

An einer Kehre befand sich ein kleiner wilder Parkplatz, da sahen wir eine Gruppe Kletterer, die sich gerade mit Gurten und Seilen für eine Tour rüsteten. Sah ziemlich abenteuerlich aus. Scheinbar gibt es hier in Frankreich keine Leitern wie in Italien. :P Wieder ein paar Kilometer weiter trafen wir an einer Baustelle zwei Bauarbeiter, von denen einer aus dem Elsaß kam und ein bisschen deutsch konnte. Dem war völlig schleierhaft, wie man sich freiwillig einer solchen Anstrengung unterziehen konnte, hier mit dem Fahrrad hochzufahren, wo es doch mit dem Auto viel schneller und leichter geht. Und der uns ein bisschen weiter nochmal einen sehr steilen Anstieg prophezeite, womit er aber glücklicherweise nicht recht behielt.
Die Felsen werden immer höher Die Strasse schlängelt sich da durch
In Wirklichkeit ging es jetzt sogar ein bisschen runter und dann relativ eben weiter. Je höher wir kamen, desto kühler wurde es aber auch und es zog sich wieder zu. Immerhin blieb es trocken, aber wir waren den Wolken sehr nahe und hofften, trocken in Villard-de-Lans anzukommen.
Ilona macht ein leidendes Gesicht Die Auffahrt wurde einfacher
Das letzte Stück fuhren wir über eine Hochebene, die allerdings von noch höheren Bergen eingekreist war. Die Gegend, durch die wir heute fuhren, nennt sich übrigens Vercors (hier noch eine informative Seite), ein Urlaubsgebiet für Skifahrer, Wanderer, Kletterer, Naturfreunde und Radfahrer.
Aber immer höhere Felsen Das hatte uns auch der Bauarbeiter gesagt, der meinte, dass Villard-de-Lans doch ein größerer Urlaubsort wäre und wir dort auf jeden Fall ein Hotel finden würden. Da war ich ja schonmal beruhigt, mittlerweile hatte ich da echt so meine Befürchtungen…

Das letzte Stück fing es dann wirklich noch an zu regnen und das fanden wir nicht so schön, denn hier oben war es doch ganz schön kalt. Schon vor der Ortseinfahrt befand sich eine Infotafel, auf der alle in der Stadt befindlichen Hotels auf einer Karte eingezeichnet waren und das waren in der Tat eine Menge. Ins Zentrum hoch gab es nochmal eine kräftige Steigung und dann standen wir auch schon vor dem Office de Tourisme, in dem Schimmi gleich mal fragte, welches Hotel man denn hier empfehlen könne.

Geschafft: Wir waren in Villard-de-Lans Die Stadt war trotz des mittlerweile miesen Wetter nett anzuschauen und Schimmi meinte, wir sollten hier gleich gegenüber ins Hotel Dauphinè einreiten. Was wir dann auch taten, denn wir hatten keine Lust, bei dem Wetter noch lange herumzuprobieren und das Hotel sah ganz nett aus. Schimmi hat sich allerdings drei Zimmer angeschaut, bis er eines zu unserer Zufriedenheit gefunden hatte, es war sogar ein Dreibettzimmer, das wir aber zum Preis von einem Doppelzimmer (65 Euro) bekamen. Hier profitierten wir von der Unterbelegung in der Nachsaison. Das Hotel war auch von innen sehr nett, liebevoll eingerichtet und dekoriert mit altertümlichen Möbeln und Zierrat. Für unseren Geschmack etwas zu kitschig, aber sehr aufwändig gemacht.

Duschen, Wäsche waschen, Zivilklamotten anziehen. Im Office de Tourisme hatte Schimmi erfahren, dass es hier am Ort sogar ein Internetcafè gab, da wollten wir jetzt erstmal einfallen. Inzwischen regnete es draußen Bindfäden, deshalb borgten wir uns im Hotel einen Regenschirm und zogen los. Das Internet-Cafè war ein ziemlich vermuchelter und verräucherter Laden, wo noch dazu herzzerreißend teuer war, eine halbe Stunde kostete 5 Euro. Ganz schön heftig, aber es reichte, um einen Gruß im Tagebuch abzusetzen und einen zwecklosen Versuch zu starten, den Inhalt der Quasselbox ins Netz zu laden. Wahrscheinlich waren Uploads nur bis zu einer bestimmten Dateigröße möglich und das hier war zu groß. Also versuchten wir es mit den Bildern auf der Kamera gar nicht erst. Schmunzeln musste ich über Gästebucheintrag Nr. 577.

Wir verließen das Etablissement, um uns was zu essen zu schießen und unsere Wahl fiel auf einen Italiener. Da saß zwar noch kein Mensch drin, was im allgemeinen kein gutes Zeichen ist, aber wir wollten es versuchen. Der Wirt sprach sogar ein bisschen englisch und als wir vor unseren Pizzen noch einen Salat wollten, warnte er uns, dass die Pizzen doch recht groß wären. Wir sagten ihm aber, dass wir very hungry seien und er solle mal auftischen. Was soll ich sagen: Wir schafften den Salat und die wirklich großen Pizzen und bestellten zur Verblüffung des Wirtes sogar noch je ein Crepes mit Schokolade und Eis zum Nachtisch. Der muss echt gedacht haben, wir haben seit Tagen gehungert. ;-)

Ich probierte mal den Cidre und fand ihn wirklich lecker und zuletzt gab es noch einen Cappuccino und dann hatten wir fürstlich gespeist und hielten uns die Bäuche. Und wie das immer so ist, wenn wir satt sind, zieht es uns in die Heia. Wir liefen im strömenden Regen zurück ins Hotel und schliefen heute mal in getrennten Betten wegen der Matratze in den französischen Doppelbetten. Da macht man nämlich jede Bewegung des Partners nachts mit und wacht immerzu auf. Und wir hatten ja noch das Einzelbett, in das ich mich verzog. Gegen 22 Uhr schliefen wir tief und fest nach einem richtig schönen Radeltag.

Statistik
gefahrene km: 87,6 in 6 h 18 min Fahrzeit 1.151 Höhenmeter
Übernachtung: Hotel Dauphinè in Villard-de-Lans Schönes, liebevoll eingerichtetes Drei-Sterne-Hotel im Stadtzentrum
Essen: Salat, Riesenpizza, Crêpes mit Schokolade und Eis Ein richtiges Fressgelage!
Wetter: früh bewölkt, etwas Regen, dann sonnig und warm, abends wieder Regen Ab 1000 Meter wurde es dann ganz schön frisch
Stimmung: Suuuper! Wieder liegt eine schöne Route hinter uns
15. September 2006 | Reise: Schweiz - Frankreich 2006 | 2 Kommentare | TB