Es war fast noch dunkel, als wir am nächsten Morgen zum Frühstück runtergingen und wir hatten ein bisschen ein schlechtes Gewissen, unsere Gastgeberin zum Sonntag so zeitig aus dem Bett geholt zu haben. Aber das Frühstück stand schon auf dem Tisch, der Kaffee war fertig und duftete und ofenfrisches Baguettebrot stand bereit. Wegen der Croissants lief sie extra nochmal los zum Bäcker, weil die vorhin noch nicht fertig waren, also waren auch die noch ganz warm. Das Baguettebrot schmeckte diesesmal übrigens hammerlecker, es erinnerte mich an die Brötchen von der Bäckerei Grosse in Köthen, die wir früher immer so gerne gegessen haben. Hach, Ossibrötchen, die haben noch geschmeckt…
Zurück in die Gegenwart. Das Wetter draußen war gut, es war sehr windig und es zogen dunkle Wolken vorbei, aber es war trocken. Ich fühlte mich an dem Morgen ein bisschen müde und schlapp und dachte über einen Tag Pause nach. Es sah so aus, als schlauchte mich die Tour dieses Jahr mehr als sonst, wahrscheinlich lag es an den Höhenmetern. Die Fahrerei am Berg ist eben doch um vieles anstrengender als in nem Flusstal immer leicht bergab zu gurken wie in den Vorjahren. Ich hätte etwas lauter über Pausentage nachdenken sollen…
Wir wollten heute die Etappe Nr. 51 aus dem Reiseführer, die bis Vaison-la-Romaine führte, bis kurz hinter Nyons mitfahren und hatten dann einen abweichenden Plan, um nach Sault zu kommen. Würden wir nämlich weiter nach den Reiseführeretappen fahren, müssten wir über Carpentras südlich am Mont Ventoux vorbei nach Sault und das ist ein ziemlicher Umweg, der noch dazu auf ziemlich stark befahrenen Straßen entlangführte. Wir hatten eine Straße gefunden, die nördlich am “Großen Berg” entlangführte, die D40 und die war noch dazu mit einem grünen Streifen markiert, was auf den Michelinkarten immer bedeutet: Landschaftlich sehenswerte Strecke. Das es heute Steigungen en masse geben würde, war uns klar, Sault lag schließlich auf 765 m ü. M. und davor mussten wir noch über ein oder zwei Pässe. Momentan befanden wir uns auf 390 m ü. M. Hach ja.
Wir machten uns also auf den Weg. Aus Bourdeaux raus fuhren wir auf der D70, eine wenig befahrene Straße. …
Anmerkung bei der Überarbeitung im Dezember 2008: Leider fehlt hier merkwürdigerweise ein Stück des Berichtes, nämlich der von der Fahrt über den Col de la Sausse und die darauffolgende Abfahrt hinunter in die Provence. Die Details habe ich heute natürlich nicht mehr im Kopf, ausser dass es da oben ganz schön windig und kalt war. Die Bilder möchte ich aber trotzdem hier zeigen:
Bei der Abfahrt hinunter in die Provence ging mir das fürchterliche Nana-Mouskouri-Lied nicht aus dem Kopf: La Provence la Provenceeee - du blühendes Land… *grrrrrr* Uns erwarteten die ersten Olivenbäume, bei denen Schimmi gleich mal kosten musste, aber die Dinger waren noch nicht reif. Und während Schimmi Oliven kostete, sah ich beim Warten direkt vor mir auf der Straße einen 20-Euro-Schein liegen. Super! Aufbesserung der Reisekasse! 
Danach ging es relativ eben durch ein Gebiet mit Olivenhainen, Wein- und Obstplantagen und so kamen wir wieder völlig kostenlos zu unseren Vitaminen und das war lecker! Nach ca. 40 Kilometern, so gegen 11 Uhr mussten wir wieder anhalten, um Sonnenschutz aufzulegen. Dabei merkten wir, dass wir bald Sonnencreme nachkaufen mussten. Das hatten wir in noch keinem Urlaub, dass die Sonnencreme nicht gereicht hat. Wahnsinn!
In La Tuiliere wichen wir dann vom Reiseführer ab und bogen nach links auf die D46 ab. (Kleine Anmerkung: Ich beschreibe den Weg hier teilweise deshalb so genau, weil ich weiß, dass andere Reiseradler das auch lesen und sich Tipps zu gefahrenen Routen holen wollen und da ist sowas erfahrungsgemäß immer ganz nützlich bei der Vorbereitung.) Nun wurde es wieder ziemlich hügelig und da inzwischen Mittag vorbei war, brannte die liebe Sonne wieder vom Himmel und uns war ganz schön warm. Man sieht es ja vielleicht auf dem Bild. Wie heißt es so schön: Der Schweiß floss in Strömen. Es ging durch ein paar kleine Häuseransammlungen, die von Bergen umgeben waren, die in die Richtung, in die wir wollten, immer höher wurden… (die Berge, nicht die Häuser).
Die D46 wurde dann zur D4, auf der wir noch ein kleines Stück fuhren, um dann wieder rechts auf eine Art Verbindungsstraße abzubiegen, dann nochmal rechts und dann im spitzen Winkel gleich wieder nach links. Dann waren wir auf der D40 nach Savoillan und es ging nach oben. Immerhin war der Mont Ventoux jetzt auch schon mal ausgeschildert und Schimmi freute sich schon wie ein kleiner Junge darauf, da morgen hochzufahren, während ich das ganze noch mit Skepsis betrachtete. So schlapp, wie ich mich heute früh gefühlt hatte und jetzt ging es auch schon wieder bergauf… Wir würden ja sehen.
Die Steigung war erstmal ganz moderat und die Landschaft wandelte sich langsam wieder zu etwas richtig Sehenswertem, wie wir das ja nun schon fast gewohnt waren, wenn wir auf einer Bergstraße unterwegs waren.
Dann ging es ein Weilchen eben weiter und ich freute mich schon und dachte, na ja, wenn das alles war… Aber zu früh gefreut.
Auf einmal ging es dann gar nicht mehr moderat nach oben. Au weia. Und Schimmi fuhr wie immer voraus, weil es für ihn mühsamer war, mein Tempo zu halten und ich rödelte mich, Striche zählend (die an der Seite, sieht man auf dem Bild), Kurve für Kurve nach oben. Und das Wetter meinte es heute unheimlich gut mit uns, was an dieser Straße fatal war, denn wir fuhren direkt in der prallen Sonne. Von Zeit zu Zeit kam am Straßenrand mal ein Baum in Sicht, so dass man wenigstens im Schatten verschnaufen konnte.
Und diese Steigung ist auf der Karte nur mit einem Pfeil gekennzeichnet. Pah! (Erläuterung für Nichtradler und sonstige Unkundige: Pfeile auf den eingezeichneten Straßen auf der Karte bedeuten immer Steigungen: > oder Gefälle: <, je nachdem, wie herum der Pfeil eingezeichnet ist. Ein Pfeil bedeutet 5 bis 9 %, zwei Pfeile 9 bis 13 % und der worst case, nämlich drei Pfeile bedeuten über 13 %). Na gut, über neun Prozent waren es glaube ich doch nicht, aber von der gefühlten Länge her hätte es zwei einzelne Pfeile sein müssen. Wie man auf dem Bild sieht, geht es hier am Rand der Straße ganz schön steil runter und ich hätte mich da nicht so hingesetzt. Aber die Aussicht war klasse und wir rätselten die ganze Zeit, ob der Berg da vorne rechts der Mont Ventoux sein könnte…
Auch meine Quasselbox musste sich das anhören. Immerhin hört man, dass ich trotz der anstrengenden Fahrt noch ziemlich gut drauf bin und nach einer kleinen Pause auch schon wieder die große Klappe habe. Aber es ging ja noch weiter nach oben und sogar Schimmi sagte hinterher, dass es ihn auch Überwindung gekostet hat, durchzuhalten. Wenigstens ein Trost. Autos fuhren nicht so viele hier, aber viele hielten auch oft an und dann wurde fotografiert, was sich hier auch wirklich lohnte. Und Motorradfahrer, jede Menge. Die waren hier in Frankreich genau so allgegenwärtig wie die Rennradfahrer, die hier wohl Tour de France übten. Hier mal noch ein bisschen Landschaft:
Als wir dann endlich oben waren (das höre ich dann immer schon vorher, wenn Schimmi von vorne ruft: “Oben!”), trafen wir zwei Mountainbiker aus dem Ruhrgebiet, die erzählten, dass sie seit drei Tagen hier sind, aber heute das erste Mal ausfahren, weil es bis jetzt nur geregnet hat. Tja. Ich sag es ja, wir hatten dieses Jahr nicht nur selbst Glück mit dem Wetter, wir brachten es sogar mit, wo wir auch hinfuhren! 
Tja, und da war er dann auch, der vielgesuchte Berg und Ziel unserer für morgen geplanten Extremquälerei. Sah doch so schwer gar nicht aus, oder? 1900 Meter ist er hoch und diesen Satz bei Wikipedia habe ich gottseidank erst nachher gelesen: “Auch vielen Radamateuren wird der Berg zum Verhängnis: jährlich sterben nach Angaben der örtlichen Behörden ca. 10-20 der sich am Berg versuchenden Sportler durch Überforderung oder Unfälle.” Ich weiß aber auch nicht, ob uns das wirklich vom Rauffahren abgehalten hätte.
Jedenfalls ging es jetzt erstmal wieder bergab und so richtig darüber freuen konnte ich mich nicht, da ich ja wusste, dass unser heutiges Ziel bei 765 m ü. M. lag und im Moment hatten wir ungefähr 372 Meter Höhe und fuhren wieder runter. Aber beim Runterfahren gab es Fahrtwind und der kühlte uns erstmal ein bisschen ab.
Unten ging es erstmal eben weiter und wir kamen an eine höchst geeignete Stelle für ein Picknick. Es war halb zwei und wir hatten 70 km hinter uns. An einem kleinen Fluss neben der Straße zwischen ein paar Bäumen und Sträuchern war eine kleine Lagerstelle, wo auch andere schon Feuer angezündet hatten. Wir lagen ganz gut in der Zeit, wir hatten kurz vorher ein Schild gesehen, auf dem Sault mit 27 km ausgeschildert war, d. h. wir hatten genügend Zeit, also gabs Kaffee, Kekse und Marsriegel. Und natürlich ausruhen. Wir waren immer noch an der D40 kurz vor Savoillan.
Hinter Savoillan wurde die D40 zur D72, die bei Montbrun-les-Bains in die D542 einmündet, die dann später D942 heißt. Ungefähr da begann dann der Anstieg nach Sault. Das war nochmal der Hammer nach all den Höhenmetern, die wir heute schon in den Beinen hatten, aber da mussten wir nun auch noch durch. Durch flirrende Hitze, ich hatte den Eindruck, dass die Haut auf meinen Armen schon Blasen schlägt, die Sonne tat richtig weh. Aber es war auch ziemlich windig und so konnte man sich immer mal im Schatten abkühlen. Es war schon recht grenzwertig. Die Pausen wurden häufiger… Ich beobachtete meinen Höhenmesser und so konnte ich ungefähr abschätzen, wann wir das Schlimmste geschafft hatten.
Schimmi fuhr voraus, ich kam da nicht mit und war froh, dass ich mein Tempo einigermaßen halten konnte, wobei man dazu nicht wirklich Tempo sagen kann. In einem Ort namens Aurel wartete er auf mich, da war er eine andere Straße hochgefahren und feuerte mich von dort oben an.
Und dann hatten wir es geschafft. Der restliche Weg nach Sault war ein Kinderspiel und auch unser Hotel war in der Stadt super ausgeschildert, so dass wir es sofort fanden. Auch hier kamen die Fahrräder in eine abgeschlossene Garage (was aber pro Fahrrad zwei Euro extra kostete) und wir bezogen unser Zimmer. Es war sogar ein Dreibettzimmer und kostete 55 Euro zzgl. Frühstück pro Person die üblichen 7 Euro. Das war für Frankreich und für diese von Fahrrad- und Motorradfahrern bevölkerte Stadt ganz in Ordnung. Und wir würden ja zwei Nächte bleiben, denn ich hatte mich geweigert, nach der “Bergbesteigung” noch weiter zu fahren. Das musste nun wirklich nicht sein.
Nach dem Duschen, Wäsche waschen und Umziehen beguckten wir uns erstmal die Stadt, wir hatten ja heute noch erfreulich viel Zeit. Da gab es dieses Cafè, wo man wunderbar sitzen und genau auf den Mont Ventoux gucken konnte, wenn, ja… wenn sich der nicht hinter den Wolken, die aufgezogen waren, versteckt hätte. So konnten wir nur erahnen, wo er ungefähr sein könnte. Morgen würden wir es genau wissen und von dort oben hierher gucken. Ich war gespannt, ob wir das packen würden.
Zum Abendessen gingen wir in das neben dem Hotel liegende Restaurant, das sich Pizzeria nannte. Nun ja, wir hatten die Erfahrung gemacht, dass man in Frankreich nicht wirklich damit rechnen durfte, einen echten Italiener zu finden, in dem es mal unheimlich leckere Nudeln gab. So auch hier. Wir aßen zwar Nudeln, aber die hätte ich besser gemacht. Schimmi hatte so eine Sahnesoße, bei der meinte er, die kommt aus der Tüte und meine Bolognese war auch nicht der Brüller, aber wir schaufelten die Kohlenhydrate rein, wir würden sie morgen brauchen.
Dann ging es wie immer zeitig ins Bett. Schimmi nahm das Einzelbett und ich schlief im Doppelbett, so vermieden wir das Gemeinschaftsgeschaukel auf der Doppelmatratze und konnten gut einschlafen.
| Statistik | ||
| gefahrene km: | 94,9 in 6 h 00 min Fahrzeit | 1.232 Höhenmeter |
| Übernachtung: | Hotel d’Albion in Sault | kleines sauberes Hotel ca. 200 m vom Stadtzentrum entfernt |
| Essen: | Nudeln in einer sogenannten Pizzeria | Wir waren halt satt |
| Wetter: | früh Wolken, dann Sonne, Sonne, Sonne | sehr heiß |
| Stimmung: | phantastisch | Wir hatten es schon weit geschafft und waren gespannt auf morgen |