Ok. Man hat mich um eine Geschichte gebeten. Und in Geschichten schreiben bin ich ganz schlecht. Was ich aber ganz gut kann, ist aufzuschreiben, was mir passiert ist. Hier also meine Geschichte.
Und da pflege ich ja immer seeeehhhhr weit auszuholen…
Mein erstes Fahrrad war ein Mifa-Klapprad (das ist nicht meins, aber so ähnlich sah es aus). Ich bekam es zur Einschulung von meinen Großeltern und das ging so: Wir waren auf dem Heimweg von der Einschulungsfeier und da stand irgendwo dieses Rad und mein Opa ging hin, nahm es und meinte, das nehmen wir jetzt mal mit. Ich war entsetzt, dass der Opa ein Fahrrad klaute, bis ich irgendwann verblüfft begriff, dass das jetzt meins war.
Nur fahren konnte ich noch nicht. Ja, ob man es glaubt oder nicht, ich war sechs Jahre alt und konnte kein Fahrrad fahren. Nach den Aussagen meiner Mutter war es wohl auch ein hartes Stück Arbeit, mir das beizubringen. Fahren konnte ich irgendwann, nur Auf- und Absteigen klappte noch nicht. Ich war halt unsportlich wie eine Waschmaschine und das setzte sich in meinem weiteren Leben fort. Sport in der Schule: Ich habe jede einzelne Stunde gehasst! Sport im Verein: Never ever! Komisch, obwohl ich als Kind auch sehr viel draußen war und mich dort auch bewegte. Rollschuh- und Fahrradfahren, Ballspiele aller Art und die üblichen Kinderspiele.
Dieses Fahrrad begleitete mich sehr lange, einfach auch aus dem Grunde, weil es mitwuchs. Denn Sattel und Lenker waren fast unbegrenzt höhenverstellbar und so war das Rad für eine Sechsjährige genauso gut wie für eine Achtzehnjährige.
Und Fahrradfahren war ein Muss zu der Zeit. Die Zeiten, in denen die Kinder vom Chauffeur Mama überall hinkutschiert wurden, waren noch nicht angebrochen. Wir hatten ja auch gar kein Auto und das ging auch. Sogar bei einer fünfköpfigen Familie. Kinder wurden erst im Körbchen, was von vorn an den Lenker gehängt wurde, später auf dem Kindersattel transportiert. Einkäufe wurden in Stoffbeuteln rechts und links an den Lenker gebammelt und ab dafür nach Hause. Unsere Räder hatten damals gut zu tun und das alles ohne Federung und Gangschaltung.
Irgendwann wurde mir das Rad dann aus dem Vorgarten, wo ich es immer abstellte, geklaut und ich erinnere mich noch gut daran, wie traurig ich damals war. Obwohl das Teil schon fast auseinanderfiel, mein Vater musste es schweißen, weil es nicht mehr hielt.
Wie ging es dann weiter? An dieser Stelle musste mir meine Mutter beim Erinnern helfen, weil ich absolut keinen Plan habe. Aber sie wusste auch nicht mehr genau, was dann kam, also fehlt hier irgendwie ein Stück. Macht aber nicht wirklich was aus.
Dann ging ich zum Studium und brauchte kein Rad, weil ich auf dem Hochschulgelände im Wohnheim wohnte und alles bequem zu Fuß erreichbar war. Und wie die meisten Studenten pflegte ich meine ungesunde Lebensweise: Viel rauchen, jede Menge Alkohol und Sport nur, wenn es zum Studium gehörte und sich absolut nicht vermeiden ließ. Man stelle sich vor: Ich wählte mir sogar eine Sportart aus, bei der man sich möglichst wenig bewegen musste, Schießen nämlich. Hätte es Schach oder Angeln gegeben, hätte ich wohl das genommen. 
Durch diverse Irrungen und Wirrungen meines Lebensweges, die ich an dieser Stelle nicht beschreiben will, begab es sich, dass ich ein paar Jahre später zusammen mit einem Säugling, meinem Sohn, wieder bei meinen Eltern einzog. Und natürlich brauchte ich auch wieder ein Rad, denn wie gesagt, zu der Zeit ging es nicht ohne. Da ich nicht viel Geld hatte, baute mir mein Vater ein altes 28er Damenrad wieder auf: Ein unheimlich schweres Teil, was aber fuhr wie Hanne und mich nie im Stich gelassen hat. Leider habe ich davon kein Foto und meine Mutter hat bisher auch noch keins gefunden, aber das Rad war einfach genial und transportierte meinen Sohn, mich und den Wochenendeinkauf für meine kleine Familie, zuverlässig von A nach B.
Damals war ich wohl auch noch relativ fit trotz der Raucherei, dem Stress und dem teils doch recht ungesunden Essen, denn ich war ja zur Bewegung gezwungen. Denn wir hatten immer noch kein Auto und als mein damaliger Mann und ich uns dann eins kauften, hatte ich keine Fahrerlaubnis. Also wurde weiter Rad gefahren und auch unsere Tochter wurde, sobald sie sitzen konnte, im Fahrradkörbchen transportiert. Sohnemann hatte da schon ein Kinderfahrrad und konnte auch fahren, ohne dass ich ihm das je beibringen musste. Andere Gene halt… 
Dann kam die Wende und ich machte meinen Führerschein. Ich weiß noch, dass mein Fahrrad sogar eine Weile als “Betriebsfahrrad” für das Steuerbüro, in dem ich damals arbeitete, diente. Das Büro war in dem Haus, in dem wir wohnten und so borgten es sich die Kollegen, wenn sie mal schnell was besorgen mussten und kein Auto da war.
Dann zogen wir ins eigene Haus aufs Dorf, ich bekam mein eigenes Auto und ab diesem Zeitpunkt stand mein Fahrrad vergessen in der Garage herum. Es hatte nun nur noch die undankbare Aufgabe, meinen Mann zur Gartenkneipe und wieder zurück zu transportieren. Ich hielt es in der Zeit mehr denn je mit Churchill und fuhr sogar in den ca. 200 Meter entfernten Dorfkonsum mit dem Auto. Ich rauchte wie ein Schlot und bewegte mich nur, wenn es der Haushalt und die Kinder verlangten. Probleme mit dem Gewicht hatte ich trotzdem nie, merkwürdigerweise, denn ich aß eigentlich ne Menge und auch jede Menge Süßes. Wahrscheinlich lag es am Rauchen oder mein Körper verbrauchte sehr viel Energie dabei, die ganzen Schadstoffe zu bekämpfen, die ich ihm unermüdlich zuführte.
Ganz zu schweigen von dem Stress, den ich ihm zumutete: Sehr anspruchsvolle, stressige Vollzeittätigkeit die ganze Zeit über, nebenbei eine Weiterbildung zum Bilanzbuchhalter, Kinder, Haushalt und Eheprobleme und das über Jahre. Dann die Trennung von meinem Mann, der Auszug aus dem Haus und der schwierige Neuanfang. Nachfolgend jede Menge Probleme mit den Kindern, die sich gar nicht mit Schimmi verstanden und außerdem fürchterlich vor sich hin pubertierten. Ab diesem Zeitpunkt kann man vieles auch im Tagebuch nachlesen.
Mein Zigarettenkonsum belief sich mittlerweile auf zwei Schachteln am Tag und so kam es, wie es kommen musste: Mein geplagter Körper musste mir zeigen, dass er nicht mehr konnte und dass wir so nicht weitermachen konnten und ich hatte im Februar 2001 einen Schlaganfall.
Von da an änderte sich einiges in unserem Leben. Als erstes hörten wir beide auf mit Rauchen, Schimmi machte netterweise gleich mit, sonst hätte ich es nie geschafft. Das war hart, aber seit dem 22.02.2001 haben wir keine einzige Zigarette mehr angefasst und finden es herrlich. Im Zuge der Rauchentwöhnung aßen wir natürlich ne Menge, denn man braucht ja eine orale Ersatzbefriedigung. Also immer rein mit Schokolade, Gummitierchen, Bonbons, Keksen und so weiter. Dazu kam regelmäßiges Essen und viel Ruhe, denn ich hatte ja jetzt jede Menge Zeit, war krankgeschrieben und gerade in der ersten Zeit nach dem Schlaganfall auch zu nichts weiter in der Lage als herumzuliegen.
Und so kam es natürlich wieder, wie es kommen musste: Freute ich mich anfangs noch über meine stetige Gewichtszunahme (ich war ja immer viel zu dünn), so kam einst der Tag, an dem ich Schwierigkeiten hatte, mich aus der Badewanne zu erheben. Gleich gefolgt von dem Tag, an dem ich die erste Hose in Größe 44 hätte kaufen müssen. Die Waage stand inzwischen bei über 75 Kg, zumindest hatte ich da aufgehört mich zu wiegen. Weia! Ich hatte binnen sehr kurzer Zeit über 20 Kg zugenommen und konnte mich im Spiegel nicht mehr sehen…
Ok, es gibt Leute (und die gibt es immer), die sagten, dass mir das hervorragend steht und endlich würde ich mal “fraulich” aussehen und nicht so abgezehrt. Und ok, bei 168 cm Körpergröße sind 75 kg auch nicht wirklich krasses Übergewicht. ABER: ICH fühlte mich unwohl, ICH hasste das Geschwabbel an mir und ICH konnte mich nicht damit abfinden, in der Badewanne den Griff benutzen zu müssen, damit ich aufstehen kann.
Es musste sich was ändern und irgendwie war uns schon klar, dass wir uns mehr bewegen mussten. Und so unternahmen wir erste Versuche mit dem Joggen zu beginnen. Die damit endeten, dass wir nach ca. 200 Metern ins Koma fielen. Oder so ähnlich. Unglaublich! So was unfittes wie uns gab es ja wohl nicht nochmal. Und obwohl wir uns vernünftiges Schuhwerk besorgten, spielte mein Körper nicht mit und ich konnte gleich erstmal zwei Wochen überhaupt nicht mehr laufen, weil mir die Knie fürchterlich weh taten. Überlastung!
Wir machten dann erstmal weiter mit ausgedehnten Spaziergängen, immerhin war das schon mehr Bewegung, als ich in den letzten 15 Jahren meines Lebens gehabt hatte. Schimmi hatte ja damals so ein schickes Mountainbike mitgebracht, als er zu uns gezogen ist und ich gebe zu, dass er mehr als einmal versucht hat, mich dazu zu überreden, mit doch ein Fahrrad zuzulegen und ab und zu mal mit ihm eine Runde zu fahren. Dies habe ich selbstverständlich jedesmal vogelzeigend abgelehnt, ich wäre doch keinen Meter gefahren, ohne dass ich musste. Wozu das denn, bitte schön?
Jetzt, nachdem wir mit dem Laufen erstmal gescheitert waren, kam das Thema wieder auf den Tisch und ich war inzwischen soweit, das als Alternative zu akzeptieren, denn die Gewichtszunahme hörte nicht auf, obwohl ich mich inzwischen schon gar nicht mehr auf die Waage stellte (man kann sich den Tag auch anders versauen…). Allerdings war ich aber sowas von dagegen, hunderte von Mark für ein Fahrrad auszugeben, das mehr Gänge hat als mein Auto. Sowas braucht doch kein Mensch, bisher war ich immer wunderbar mit einem Gang ausgekommen, Rücktrittbremse musste auch sein und nur ja nicht soviel neue Technik, völlig unnötig! Da gab es doch diesen Laden in der Stadt von der Städtischen Abfallgesellschaft, die verkauften gebrauchte, wieder hergerichtete Fahrräder schön billig, so eins würde völlig ausreichen für mich. Meinte ich überzeugt und Schimmi fügte sich.
So kam es, dass das dritte Fahrrad in meinem Leben genau 77 DM kostete und bereits bei der ersten Ausfahrt seinen Geist aufgab. Es ist eben doch was anderes, ob eine Behindertenwerkstatt ein altes Rad wieder aufbaut oder ob mein Vater das macht. Die haben jedenfalls ziemlich gepfuscht, vielleicht war das Rad aber auch wirklich schon zu alt, jedenfalls haben wir es zurückgebracht und unsere 77 DM wiederbekommen. Ich war allerdings ziemlich gefrustet, hatte ich doch hohe sportliche Ziele mit der Radfahrerei gehabt. Trotz allem war ich immer noch nicht bereit, so dermaßen viel Kohle für ein Rad auszugeben und Schimmis Rat und Meinung ignorierend, zogen wir in den Baumarkt und kauften dort ein nigelnagelneues Damen-City-Bike mit sage und schreibe drei Gängen! Ich weiß gar nicht mehr, was es gekostet hat, aber teuer war es nicht.
Mit dem sind wir dann auch ab und zu unterwegs gewesen, aber nicht sehr oft. Und einen Schaden im Tretlager hatte es auch gleich mal, der aber unter die Gewährleistung fiel und kostenlos beseitigt wurde. Ich musste dann bald in die Reha und wurde dort ganz behutsam an den Sport herangeführt. Ich lernte auch, dass Sport Spass machen kann und nicht immer nur einem Zweck dienen muss. Lernte das unbeschreiblich gute Gefühl kennen, sich so richtig auszupowern. Obwohl die ja dort immer drauf achteten, dass wir uns nicht übernahmen.
Wieder zu Hause angekommen, meldete ich mich in einem Fitness-Studio an und meine “Sportlerkarriere” nahm ihren unaufhaltsamen Lauf. Ich hatte einen Heidenspass am Ausdauertraining am Crosstrainer oder Ergometer und Krafttraining wurde nach einiger Zeit zu meinem Favoriten. Mit dem Joggen begann ich auch bald wieder und es ging wesentlich besser als beim ersten Versuch.
Und von Zeit zu Zeit fuhren wir mit den Fahrrädern aus, aber nicht sehr oft und schon gar nicht lange… Und dann wurden sie uns geklaut. Und das obwohl sie angeschlossen im Hausflur standen. Wegen meinem Baumarkt-Hobel waren wir gar nicht so wirklich traurig, aber Schimmis Rad war einiges wert, er hing sehr daran und war ziemlich deprimiert. Wir haben es auch nie wieder gesehen, während meine Karre eines Tages von den Bullen der Polizei zurückerobert wurde. Allerdings in einem ziemlich desolaten Zustand und damit hatte ich auch nicht wirklich Lust, noch groß zu fahren. Ab und zu nutzte ich es noch, wenn ich einen Weg hatte und Schimmi mit dem Auto weg war, aber die meisten Wege legte ich zu der Zeit zu Fuss zurück. Wir wohnten ja auch verkehrsgünstig mitten in der Stadt.
Inzwischen hatten wir beschlossen, nach Baden-Württemberg umzuziehen. Die Job-Situation machte es einfach erforderlich. Schimmi hatte mehrere Jobs durch, nur Pech gehabt und bekam inzwischen Arbeitslosenhilfe. Ich war nach zwei stationären Reha-Maßnahmen und einer beruflichen Wiedereingliederungsmaßnahme wieder arbeitsfähig geschrieben und bekam Arbeitslosengeld, da ich natürlich auch nichts fand. Dies bedeutete die Trennung von den Kindern, aber das ist wieder eine andere Geschichte…
Und endlich hatte Schimmi mich soweit: Wir wollten uns vor dem Umzug noch vernünftige Räder kaufen und so zogen wir durch alle Fahrradläden im Umkreis. Und fanden auch einen Laden, wo wir unsere Traumräder (wie wir meinten) fanden. Ich meine, das merkt man ja: Ich setzte mich auf das Rad und fühlte mich sofort wohl darauf. Wir mochten uns von Anfang an irgendwie.
Obwohl ich mit den 27 Gängen absolut nichts anzufangen wusste und eigentlich immer nur zwei oder drei benutzte. Wozu auch, wir waren ja im Flachland.
Das hier ist Schimmis Mountainbike (nur in weiß) und das hier ist mein Tourenrad (nur in schwarz). Die Links nur wegen dem Technikgebabbel, was ein paar Leute interessiert, ansonsten finde ich die Bilder im oben verlinkten Tagebucheintrag viel besser. Ich werde die Räder aber noch mal extra knipsen, denn wir haben sie immer noch, obwohl inzwischen schon wieder neue da sind.
Aber schön der Reihe nach…
— Fortsetzung folgt —